Band 03 · Beltane·Kapitel 01

Was ist Beltane? Von Feuern, Herden und dem Beginn des Sommers

Wenn das Jahr seine helle Hälfte betritt

14 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Es muss ein besonderer Anblick gewesen sein, wenn sich Anfang Mai die Menschen einer irischen Gemeinschaft versammelten, während über den Hügeln langsam die Dunkelheit hereinbrach und in einiger Entfernung zwei große Feuer entzündet wurden. Man kann sich vorstellen, wie die Tiere unruhig wurden, als ihre Besitzer sie zusammentrieben, wie sich der Rauch in der kühlen Abendluft verteilte und wie wichtig es den Menschen gewesen sein muss, dass ihre Herden gesund durch die kommenden Monate kamen. Schließlich bedeutete ein krankes oder verendetes Tier für eine Familie weit mehr als den Verlust eines Besitzes, denn Vieh war Nahrung, Lebensgrundlage und ein wesentlicher Teil des wirtschaftlichen Überlebens. Was wir heute vielleicht als eindrucksvolles Ritual betrachten, konnte für die Menschen damals mit einer sehr ernsthaften Hoffnung verbunden sein: dass ihre Tiere geschützt blieben und das neue Weidejahr gut beginnen möge.

Eine solche Szene ist eine erzählerische Annäherung an einen Brauch, der tatsächlich in einer frühen irischen Quelle beschrieben wird. Im sogenannten Sanas Cormaic, einem altirischen Glossar aus dem Umfeld des 9. oder 10. Jahrhunderts, wird Beltane mit zwei Feuern in Verbindung gebracht, zwischen denen Vieh hindurchgeführt worden sein soll, um es vor Krankheiten zu schützen. Die Quelle nennt dabei auch Druiden und besondere Beschwörungen. Wir besitzen damit einen bemerkenswerten mittelalterlichen Textbeleg, allerdings keine Augenzeugenbeschreibung einer bestimmten Feier aus vorchristlicher Zeit, denn der Verfasser blickte bereits aus einer christlich geprägten Welt auf ältere Vorstellungen zurück.

Und genau hier beginnt die Geschichte von Beltane, einem Fest, das heute häufig mit Blumenkränzen, Fruchtbarkeit, Liebesritualen und ausgelassenen Tänzen verbunden wird, dessen historische Wurzeln aber zunächst vor allem von Feuer, Vieh und dem Beginn der sommerlichen Jahreshälfte erzählen.

Warum der Sommer in Irland schon im Mai beginnt

Beltane, im heutigen Irisch meist Bealtaine geschrieben, bezeichnet traditionell den 1. Mai und gehört gemeinsam mit Samhain, Imbolc und Lughnasadh zu den vier wichtigen jahreszeitlichen Terminen der älteren irischen Überlieferung. Während Samhain den Beginn der dunklen Jahreshälfte markierte, stand Beltane am Übergang zur hellen Hälfte des Jahres, die in der traditionellen irischen Einteilung bereits als Sommer verstanden wurde.

Das erscheint uns in Mitteleuropa zunächst etwas ungewöhnlich, denn wer Anfang Mai morgens das Haus verlässt, kann durchaus noch einmal nach seiner Jacke greifen müssen. Nach unserem heutigen meteorologischen Kalender beginnt der Sommer erst am 1. Juni, astronomisch sogar erst mit der Sommersonnenwende im Juni. Doch solche Einteilungen sind menschliche Ordnungssysteme, die sich aus unterschiedlichen kulturellen und praktischen Zusammenhängen entwickelt haben.

Für eine landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft war der Mai ein bedeutender Wendepunkt, weil mit den wärmeren Monaten die Weidezeit und eine neue Phase der Versorgung von Mensch und Tier verbunden waren. Dabei sollten wir uns das Leben unserer Vorfahren nicht als endlose Folge romantischer Naturfeste vorstellen, bei denen alle Menschen mit Blumen im Haar um das Feuer tanzten. Der Jahreslauf bestimmte, wann gearbeitet werden musste, welche Vorräte zur Verfügung standen und wie groß die Gefahr war, dass eine Krankheit oder schlechte Witterung die Existenz einer Familie bedrohte.

Dass gerade der Übergang zur sommerlichen Jahreshälfte besondere Aufmerksamkeit erhielt, ist vor diesem Hintergrund gut nachvollziehbar.

Was bedeutet Beltane eigentlich?

Der Name Beltane wird häufig als „Feuer des Bel“ übersetzt, wobei mit Bel angeblich ein alter keltischer Sonnengott gemeint sei. Diese Erklärung findet sich in zahlreichen modernen Büchern und auf spirituellen Websites, ist aber sprachgeschichtlich keineswegs so eindeutig, wie sie dort häufig dargestellt wird.

Bereits das mittelalterliche Sanas Cormaic verbindet den Namen mit Feuer und einer günstigen oder glückbringenden Wirkung. Die genaue sprachliche Herleitung wird jedoch unterschiedlich beurteilt, und besonders die Behauptung, das Fest sei nachweislich einem bestimmten Gott namens Bel oder Belenus geweiht gewesen, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht sicher ableiten.

Belenus ist als göttlicher Name aus der antiken keltischen Welt bekannt, doch die Verbindung zwischen ihm und dem irischen Beltane-Fest ist eine zusätzliche Deutung, die einer eigenen Begründung bedarf. Ähnlich vorsichtig sollten wir sein, wenn Beltane als uraltes Fest der Vereinigung eines Sonnengottes mit einer Erdgöttin beschrieben wird, denn eine solche allgemein gültige Erzählung ist für das historische irische Fest nicht belegt.

Das Feuer selbst ist dagegen tatsächlich ein wichtiger Bestandteil der Überlieferung. Und vielleicht ist das ohnehin der interessanteste Ausgangspunkt, denn wenn wir uns fragen, weshalb Menschen ihre Tiere zwischen zwei Feuern hindurchführten, gelangen wir unmittelbar zu den Sorgen und Hoffnungen einer Gesellschaft, deren Leben eng mit der Gesundheit ihrer Herden verbunden war.

Die beiden Feuer und der Schutz der Tiere

Die Beschreibung der beiden Beltane-Feuer gehört zu den bekanntesten historischen Zeugnissen des Festes. Nach der mittelalterlichen Erklärung wurden zwei Feuer entzündet, zwischen denen das Vieh hindurchgetrieben wurde, um es vor Krankheiten zu bewahren.

Solche Handlungen lassen sich als Schutzrituale verstehen, wobei wir bedenken müssen, dass ihre Wirksamkeit innerhalb der damaligen religiösen und kulturellen Vorstellungen beurteilt wurde. Die Menschen verbanden mit bestimmten Handlungen die Hoffnung, Gefahren abzuwenden, die sie mit ihren gewöhnlichen Mitteln nur begrenzt kontrollieren konnten.

In späteren irischen und schottischen Volksüberlieferungen begegnen uns ebenfalls Maifeuer und Schutzbräuche für Tiere, doch auch hier müssen wir zwischen unterschiedlichen Jahrhunderten und Regionen unterscheiden. Dass ähnliche Motive über lange Zeiträume hinweg auftreten, ist interessant, beweist aber nicht automatisch, dass jedes einzelne Ritual seit der vorchristlichen Zeit unverändert durchgeführt wurde.

Besonders eindrucksvoll ist der Gedanke, dass das Feuer hier keineswegs nur ein schönes Symbol für Wärme und Sonne war. Es stand in einem Zusammenhang mit der Sorge um die Tiere, deren Gesundheit für das Leben der Menschen entscheidend sein konnte.

Wir dürfen diese historischen Bräuche heute durchaus als Ausdruck einer engen Beziehung zwischen Mensch, Tier und Jahreslauf betrachten, sollten dabei aber nicht vergessen, dass diese Beziehung von wirtschaftlicher Abhängigkeit, harter Arbeit und tatsächlichen Gefahren geprägt war.

Der Mai und die unsichtbaren Nachbarn

Neben den Feuerbräuchen begegnen uns in der späteren irischen Volksüberlieferung zahlreiche Vorstellungen, nach denen der Beginn des Mai eine besondere Zeit gewesen sei, in der Menschen, Tiere und Höfe geschützt werden mussten. Dazu gehörten regionale Bräuche mit Blumen, Zweigen und anderen Pflanzen, die an Türen oder Fenstern angebracht wurden, ebenso wie Vorstellungen von übernatürlichen Wesen, deren Einfluss man fürchtete.

In Irland wurden solche Wesen in unterschiedlichen Zusammenhängen als Aos Sí bezeichnet, ein Begriff, der mit der übernatürlichen Anderswelt verbunden ist. In späteren Volkserzählungen galt der Mai ebenso wie Samhain häufig als eine Zeit, in der besondere Vorsicht gegenüber solchen Mächten angebracht war.

Wir sollten allerdings aufpassen, daraus eine überall gültige Vorstellung zu machen, nach der sich an Beltane buchstäblich ein Tor zwischen zwei Welten geöffnet habe. Das ist eine beliebte moderne Formulierung, die ältere Motive aufgreifen kann, aber keine einheitliche historische Lehre beschreibt.

Für die Menschen, die solche Geschichten erzählten, waren die Gefahren des Jahreswechsels und des beginnenden Sommers möglicherweise sehr viel konkreter. Eine kranke Kuh, verdorbene Milch oder eine misslungene Ernte konnten schwerwiegende Folgen haben, und wenn sich solche Ereignisse nicht erklären ließen, boten übernatürliche Vorstellungen manchmal einen Deutungsrahmen.

Woher kommen Blumenkränze, Maibäume und Liebesrituale?

Wer heute Beltane feiert, begegnet häufig Bildern von tanzenden Menschen, Blumenkränzen, Maibäumen und Ritualen rund um Liebe und Fruchtbarkeit. Dabei vermischen sich unterschiedliche Traditionen, deren Geschichte keineswegs überall auf dieselbe Herkunft zurückgeht.

Maibräuche sind in verschiedenen Teilen Europas dokumentiert, darunter das Aufstellen von Maibäumen, das Schmücken mit frischem Grün, gemeinschaftliche Tänze und Feiern zum Beginn der wärmeren Jahreszeit. Diese Bräuche besitzen jeweils ihre eigene regionale Entwicklung und lassen sich nicht pauschal als ursprünglich irische Beltane-Rituale bezeichnen.

Besonders die Vorstellung eines großen vorchristlichen Fruchtbarkeitsfestes, bei dem die Menschen angeblich in einer einzigen Nacht die sexuelle Vereinigung von Gott und Göttin nachstellten, gehört zu jenen Erzählungen, die wir kritisch betrachten sollten. Sexualität, Fruchtbarkeit und Partnerschaft spielen in verschiedenen religiösen und volkstümlichen Traditionen selbstverständlich eine Rolle, doch für eine allgemeine historische Beltane-Zeremonie dieser Art fehlt eine verlässliche Beleglage.

Der moderne Jahreskreis, wie er insbesondere im Wicca und in anderen neuheidnischen Bewegungen gestaltet wird, hat Beltane stark mit Fruchtbarkeit, Sinnlichkeit und der Vereinigung polarer Kräfte verbunden. Das ist eine heutige religiöse Interpretation mit einer eigenen Geschichte, die wir respektieren können, ohne sie rückwirkend zur gesicherten Glaubenswelt aller alten Kelten zu erklären.

Und vielleicht müssen wir uns auch gar nicht entscheiden, ob wir uns lieber mit den historischen Viehfeuern oder mit den modernen Blumenkränzen beschäftigen möchten. Interessant wird es gerade dann, wenn wir erkennen, welche Geschichten aus welcher Zeit stammen und wie sich ihre Bedeutungen verändert haben.

Was wir heute an Beltane feiern können

Wenn wir Beltane heute bewusst begehen, dürfen wir uns zunächst an etwas sehr Einfachem orientieren: Anfang Mai ist die Natur in unseren Breiten vielerorts voller Bewegung. Die Bäume tragen wieder Blätter, Wiesen beginnen üppig zu wachsen, Insekten sind unterwegs, Vögel ziehen ihre Jungen groß, und überall begegnen uns jene Prozesse, durch die sich das Leben im Jahreslauf erneuert.

Dabei verläuft diese Entwicklung selbstverständlich nicht überall gleich. In den Bergen kann noch Schnee liegen, während in tieferen Lagen bereits die Obstbäume blühen, und auch die Tiere folgen ihren jeweiligen Fortpflanzungs- und Entwicklungszyklen.

Für mich liegt die Schönheit von Beltane darin, dass wir dem Leben in einer Phase begegnen, in der vieles sichtbar geworden ist, was während der kalten Monate vorbereitet wurde. Die Natur wirkt voller Energie, und wer aufmerksam durch einen Garten oder über eine Wiese geht, entdeckt beinahe überall etwas, das wächst, blüht, sich bewegt oder nach einem Platz sucht.

Wir können diese Zeit zum Anlass nehmen, uns mit den historischen Überlieferungen zu beschäftigen, gemeinsam ein Feuer zu entzünden, sofern es sicher und erlaubt ist, oder einfach hinauszugehen und die Veränderungen der Landschaft wahrzunehmen.

Vielleicht möchten wir auch über jene Dinge nachdenken, die in unserem eigenen Leben gerade wachsen. Beziehungen, Vorhaben, neue Interessen oder eine Freude, die nach einer schwierigen Zeit wieder zurückgekehrt ist.

Das sind heutige persönliche Bedeutungen, und wir müssen sie nicht als uralte keltische Weisheiten ausgeben, damit sie uns etwas sagen können.

Beltane erinnert uns an einen jahreszeitlichen Übergang, der für frühere Gemeinschaften mit ganz konkreten Hoffnungen und Sorgen verbunden war. Heute können wir diesen historischen Hintergrund kennenlernen und zugleich eine eigene Form finden, den Beginn der hellen Jahreshälfte zu würdigen.

Und wenn wir Anfang Mai draußen stehen, während die Sonne langsam untergeht und irgendwo ein Feuer brennt, dürfen wir ruhig einen Moment daran denken, wie viele Menschen vor uns den Beginn dieser Jahreszeit mit ganz unterschiedlichen Erwartungen erlebt haben.

Sie wussten nicht, was die kommenden Monate bringen würden, und trotzdem bereiteten sie sich auf sie vor, trieben ihre Tiere auf die Weiden, bestellten ihre Felder und hofften auf ein gutes Jahr.

Manches daran ist uns heute fremd geworden, aber die Hoffnung, dass etwas wachsen und gedeihen möge, dürfte uns noch immer recht vertraut sein.

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Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Sanas Cormaic (Cormac's Glossary), entstanden im Umfeld des 9./10. Jahrhunderts. Frühe irische Quelle zu Beltane, den beiden Feuern und dem Schutz des Viehs.
  2. 02Tochmarc Emire (Die Werbung um Emer), mittelalterliche irische Erzählung. Enthält eine Darstellung der jahreszeitlichen Gliederung des Jahres und der mit Beltane verbundenen Feuer.
  3. 03Dictionary of the Scots Language: „Beltane“. Scottish Language Dictionaries. Sprachhistorische Angaben zu den gälischen Namensformen und späteren schottischen Beltane-Bräuchen.
    https://www.dsl.ac.uk/entry/snd/beltane_n
  4. 04Ronald Hutton (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Wissenschaftliche Untersuchung der historischen Entwicklung britischer und irischer Jahresbräuche.
  5. 05Bernhard Maier (2001): Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. C. H. Beck. Zur Einordnung der irischen Festtermine und der Schwierigkeiten, vorchristliche religiöse Praktiken aus späteren Quellen zu rekonstruieren.
  6. 06Dáithí Ó hÓgáin (1995): Irish Superstitions. Gill & Macmillan. Zur irischen Volksüberlieferung, insbesondere zu jahreszeitlichen Schutzvorstellungen und übernatürlichen Wesen.
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Die Podcastfolge zu Beltane

„Worte am Feuer. Dem Klang der Jahreszeiten lauschen.“

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