Band 02 · Imbolc·Kapitel 01

Was ist Imbolc – das erste Licht nach dem Winter?

Die erste Wende des Jahres

12 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Es ist Anfang Februar, und wenn wir ehrlich sind, sieht es draußen vielerorts noch recht wenig nach Frühling aus. Die Bäume stehen kahl in der Landschaft, am Morgen liegt Frost auf den Wiesen, und wer früh aus dem Haus muss, greift vermutlich noch immer nach dem dicken Wintermantel. Manchmal fällt sogar noch einmal ordentlich Schnee, als wollte uns der Winter daran erinnern, dass er seinen Platz keineswegs freiwillig räumt. Und trotzdem verändert sich etwas, das wir zunächst kaum bemerken, bis wir eines Nachmittags überrascht feststellen, dass es um fünf Uhr noch immer hell ist. Vielleicht hören wir zum ersten Mal wieder einen Vogel singen, entdecken die Spitzen der Schneeglöckchen unter dem alten Laub oder bemerken, dass die Sonne bereits ein wenig höher über den Baumwipfeln steht. Der Frühling ist noch lange nicht angekommen, aber seine ersten Anzeichen sind da, und wer aufmerksam durch die Natur geht, kann sie bereits entdecken.

In der irischen Überlieferung begegnet uns zu dieser Jahreszeit ein Fest mit dem Namen Imbolc, das gewöhnlich mit dem 1. Februar verbunden wird und zu den vier großen jahreszeitlichen Terminen des älteren irischen Kalenders gehört. Gemeinsam mit Beltane Anfang Mai, Lughnasadh Anfang August und Samhain Anfang November gliederte es das Jahr in Abschnitte, die eng mit dem landwirtschaftlichen Leben und den Veränderungen der Jahreszeiten verbunden waren. Dabei sollten wir uns von Anfang an bewusst machen, dass unser heutiges Bild eines vollständig ausgearbeiteten achtteiligen keltischen Jahreskreises wesentlich jünger ist als diese vier irischen Festtermine. Die heute verbreitete Zusammenstellung mit Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen entwickelte sich in ihrer bekannten Form erst im modernen Neuheidentum. Imbolc selbst ist hingegen als jahreszeitlicher Begriff in mittelalterlichen irischen Quellen überliefert, und gerade diese Unterscheidung macht seine Geschichte so interessant.

Ein Frühling, der mitten im Winter beginnt

Wenn wir den 1. Februar als Frühlingsbeginn bezeichnen, klingt das aus unserer mitteleuropäischen Perspektive zunächst etwas gewagt, denn meteorologisch beginnt der Frühling bei uns am 1. März und astronomisch erst mit der Tagundnachtgleiche im März. Doch solche Einteilungen sind keineswegs überall und zu allen Zeiten gleich gewesen. In der traditionellen irischen Jahresgliederung wurde der Februar dem beginnenden Frühling zugeordnet, und die Natur Irlands folgt aufgrund des atlantischen Klimas ohnehin einem etwas anderen Rhythmus als beispielsweise die höher gelegenen Regionen Österreichs.

Für Menschen, deren Leben eng mit der Landwirtschaft verbunden war, kündigte sich die Veränderung des Jahres nicht ausschließlich durch wärmere Temperaturen an. Auch das Verhalten der Tiere, die Länge der Tage und die ersten Anzeichen neuen Wachstums waren von Bedeutung. Besonders die Zeit, in der Schafe ihre Lämmer zur Welt brachten und wieder Milch gaben, spielt in den Erklärungen des Festnamens eine Rolle. Allerdings müssen wir hier genauer hinschauen, denn die häufig wiederholte Behauptung, Imbolc bedeute eindeutig „im Bauch der Mutter“, ist sprachwissenschaftlich keineswegs gesichert.

Eine der wichtigsten frühen Quellen ist das sogenannte Sanas Cormaic, ein altirisches Glossar, dessen Entstehung gewöhnlich im Umfeld des 9. oder 10. Jahrhunderts verortet wird. Dort begegnet uns die Form Oímelc, die mit dem Beginn des Frühlings und der Milch der Schafe erklärt wird. Solche mittelalterlichen Worterklärungen sind für uns wertvolle Zeugnisse, allerdings waren ihre Verfasser keine modernen Sprachwissenschaftler, und ihre Herleitungen müssen nicht zwingend dem tatsächlichen Ursprung eines Wortes entsprechen. Für Imbolc wurden deshalb verschiedene Deutungen vorgeschlagen, darunter Zusammenhänge mit dem Bauch trächtiger Tiere, mit Milch oder mit Reinigung und Waschung. Welche Erklärung sprachgeschichtlich zutrifft, ist umstritten.

Dass diese Deutungen trotzdem eine große Anziehungskraft besitzen, kann ich gut verstehen. Die Vorstellung, dass im Bauch eines Tieres bereits neues Leben heranwächst, während die Landschaft noch unter winterlicher Kälte liegt, ist ein wunderschönes Bild für jene Zeit, in der wir äußerlich kaum Veränderung erkennen und dennoch wissen, dass sich im Verborgenen längst etwas bewegt. Als Sinnbild dürfen wir es verwenden, solange wir nicht behaupten, damit die ursprüngliche Bedeutung des Festnamens zweifelsfrei entschlüsselt zu haben.

Was die alten irischen Quellen erzählen

Die frühmittelalterliche irische Literatur überliefert Imbolc als einen der wichtigen jahreszeitlichen Termine, doch wir besitzen keine vollständige Beschreibung einer einheitlichen vorchristlichen Imbolc-Feier, aus der wir einfach sämtliche damaligen Rituale rekonstruieren könnten. Vieles, was heute als uraltes keltisches Imbolc-Ritual vorgestellt wird, stammt aus späteren volkskundlichen Überlieferungen oder wurde erst in neuerer Zeit entwickelt.

Das bedeutet keineswegs, dass Imbolc ein modernes Fest ohne historische Wurzeln wäre. Sein Name und seine Stellung innerhalb der irischen Jahresgliederung sind deutlich älter als die heutige spirituelle Bewegung, die das Fest wieder aufgegriffen hat. Aber zwischen der Erwähnung eines Festtermins und der genauen Kenntnis seiner ursprünglichen religiösen Handlungen liegt ein erheblicher Unterschied, den wir ernst nehmen sollten.

Hinzu kommt, dass die erhaltenen irischen Texte überwiegend in christlich geprägten Schreibmilieus aufgezeichnet wurden. Wir erfahren aus ihnen viel über ältere Vorstellungen, Namen und Erzählungen, betrachten diese aber durch die Überlieferung einer Gesellschaft, die sich bereits über längere Zeit mit dem Christentum auseinandergesetzt hatte. Das macht die Quellen keineswegs wertlos, verlangt jedoch etwas Vorsicht, wenn wir aus ihnen ein vollständiges Bild vorchristlicher Religion gewinnen möchten.

Brigid und der erste Februar

Eng mit Imbolc verbunden ist heute der Name Brigid, und spätestens hier wird die Geschichte besonders spannend. Denn in der irischen Überlieferung begegnen wir einer Göttin namens Brigit, während am 1. Februar zugleich der Gedenktag der christlichen heiligen Brigid von Kildare begangen wird.

Die Göttin erscheint in mittelalterlichen mythologischen Texten unter anderem als Tochter des Dagda und wird mit Dichtung, Wissen, Heilkunst und Schmiedekunst in Verbindung gebracht. Die heilige Brigid wiederum gehört zu den bedeutendsten Heiligengestalten Irlands, um die sich zahlreiche Legenden, religiöse Traditionen und regionale Bräuche entwickelten.

Dass beide denselben Namen tragen und der Gedenktag der Heiligen auf den mit Imbolc verbundenen Termin fällt, ist bemerkenswert. Daraus ergibt sich eine naheliegende Frage, die Forschende seit Langem beschäftigt: Haben sich ältere Vorstellungen von der Göttin in der Verehrung der Heiligen erhalten, oder sind die Beziehungen zwischen beiden komplizierter, als wir heute erkennen können?

Es gibt durchaus Gründe, solche Verbindungen zu untersuchen, doch wir sollten nicht behaupten, die christliche Heilige sei nachweislich lediglich eine umbenannte heidnische Göttin gewesen. Die historischen Zeugnisse erlauben keine derart einfache Erklärung, und die Gestalt der heiligen Brigid besitzt eine eigene, über viele Jahrhunderte gewachsene christliche Überlieferung.

Auf Brigid werden wir in einem eigenen Kapitel noch ausführlich zurückkommen, denn ihre Geschichte verdient es, mit etwas mehr Aufmerksamkeit erzählt zu werden, als es die verbreitete Gleichung „Göttin wurde Heilige“ zulässt.

Was uns der erste Februar heute erzählen kann

Wenn wir Imbolc heute feiern, begegnen wir einem Fest, dessen historische Wurzeln in der irischen Jahresgliederung liegen und das inzwischen auch außerhalb Irlands von Menschen begangen wird, die sich mit dem Jahreskreis und den Veränderungen der Natur beschäftigen. Dabei ist es durchaus möglich, einen alten Festtermin mit neuen persönlichen Bedeutungen zu verbinden, solange wir offen damit umgehen, welche Vorstellungen überliefert und welche erst später hinzugekommen sind.

Für mich besitzt Imbolc vor allem deshalb eine besondere Schönheit, weil es zu einer Zeit stattfindet, in der die Natur noch keinerlei Anlass zu überschwänglicher Frühlingsfreude bietet. Die Erde ist vielerorts kalt, die Bäume stehen kahl, und wer ein wenig genauer hinsieht, entdeckt trotzdem bereits jene kleinen Veränderungen, die uns verraten, dass der Winter seinen Höhepunkt überschritten hat.

Wir kennen solche Zeiten auch aus unserem eigenen Leben, wenn eine schwierige Phase noch längst nicht vorbei ist und dennoch erste Anzeichen auftauchen, dass sich etwas verändert. Manchmal beginnt eine neue Richtung mit einer Entscheidung, die noch niemand außer uns selbst kennt, manchmal mit einem Gedanken, der plötzlich wieder Hoffnung zulässt, oder mit dem ersten Morgen nach langer Zeit, an dem wir bemerken, dass uns etwas leichter fällt als zuvor.

Das ist unsere heutige Deutung von Imbolc, und sie muss sich auch gar nicht als uralte keltische Weisheit verkleiden, um ihren Wert zu besitzen. Vielleicht reicht es, Anfang Februar hinauszugehen, den Winter noch einmal ganz bewusst wahrzunehmen und zugleich nach den ersten Anzeichen des kommenden Frühlings Ausschau zu halten.

Wer weiß, vielleicht entdecken wir dabei etwas, das wir zwischen all den großen Ereignissen des Jahres beinahe übersehen hätten. Ein Schneeglöckchen unter dem Laub, eine Knospe am Haselstrauch oder ein paar zusätzliche Minuten Tageslicht, die uns daran erinnern, dass Veränderungen manchmal sehr viel leiser beginnen, als wir erwarten.

Und wenn am nächsten Morgen wieder Schnee fällt, dürfen wir uns ruhig daran erinnern, dass der Winter Anfang Februar noch immer Winter sein darf.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Kelly Fitzgerald (2024): What do we know about the roots of the Imbolc spring festival? RTÉ Brainstorm, University College Dublin. Wissenschaftlich fundierter Überblick über die frühen irischen Belege, die Deutungen des Festnamens und die Überlieferungen zu Brigid.
    https://www.rte.ie/brainstorm/2024/0131/1429455-imbolc-imbolg-spring-pagan-festival-brigit/
  2. 02Sanas Cormaic (Cormac's Glossary), 9./10. Jahrhundert. Frühe irische Quelle mit einer Erklärung der Bezeichnung Oímelc und ihrer Verbindung zum Frühlingsbeginn und zur Schafmilch.
  3. 03Maier, Bernhard: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. C. H. Beck. Wissenschaftliche Einführung in die Religion und Überlieferung der keltischsprachigen Gesellschaften.
  4. 04National Museum of Ireland: St Brigid's Day. Volkskundliche Dokumentation irischer Bräuche rund um den 1. Februar.
    https://www.museum.ie/
  5. 05Dictionary of Irish Biography: Brigit (Brighid, Bríd, Bride, Bridget). Royal Irish Academy. Historische Darstellung der heiligen Brigid, ihrer Verehrung und ihrer Verbindungen zu älteren irischen Überlieferungen.
    https://www.dib.ie/biography/brigit-brighid-brid-bride-bridget-a0961