Schafgarbe räuchern

Die wilde Tausendblättrige und ihr Platz in unserem heimischen Räucherwerk — von Achilles und seinen Wunden, weißen Blütenwolken auf unseren Wiesen und unserer Räuchermischung Frau Holle

18 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Es gibt Pflanzen, für die wir weite Wege zurücklegen, besondere Geschäfte aufsuchen und manchmal erstaunlich viel Geld ausgeben. Sie kommen aus fernen Ländern, tragen geheimnisvolle Namen und werden mit uralten Traditionen in Verbindung gebracht. Und dann gibt es die Schafgarbe. Sie wächst am Wegrand, auf unseren Wiesen, zwischen Gräsern und Klee, und wird von uns meistens erst dann bemerkt, wenn sie mit ihren vielen kleinen weißen Blüten aus dem Grün hervorschaut. Eine eher unscheinbare Erscheinung, die noch dazu einen Namen bekommen hat, der nicht unbedingt nach einer großen mythologischen Karriere klingt.

Dabei verbirgt sich hinter dieser Pflanze eine bemerkenswerte Geschichte, die uns von der griechischen Mythologie über die europäische Pflanzenheilkunde bis hinein in das österreichische Volksbrauchtum führt. Und weil wir bei Rauhnachtsam eine besondere Liebe für heimische Kräuter und Harze entwickelt haben, hat auch die Schafgarbe einen festen Platz in unserer Sammlung gefunden. Nicht nur, weil wir ihren Duft mögen, sondern weil sie uns an etwas erinnert, das wir in unserer schnelllebigen Welt manchmal aus den Augen verlieren: dass wir nicht immer in die Ferne schauen müssen, um etwas Besonderes zu entdecken.

Die Schafgarbe – Eine Pflanze mit tausend Blättern

Die Gewöhnliche Schafgarbe, botanisch Achillea millefolium, gehört zur Familie der Korbblütler und ist in Österreich weit verbreitet. Sie wächst auf Wiesen, Weiden, an Böschungen und Wegrändern und kommt auch mit vergleichsweise nährstoffarmen Böden gut zurecht. Ihre Blätter sind auffallend fein zerteilt und erinnern ein wenig an winzige Federn. Genau darauf bezieht sich auch ihr lateinischer Artname millefolium, der so viel wie tausendblättrig bedeutet.

Besonders schön finde ich ihre Blüten. Was aus einiger Entfernung wie eine einzige weiße Dolde aussieht, besteht bei genauerem Hinsehen aus zahlreichen winzigen Blütenköpfchen, die gemeinsam einen flachen, beinahe wolkenartigen Blütenstand bilden. Die Schafgarbe blüht je nach Standort und Witterung ungefähr vom Frühsommer bis in den Herbst und bietet in dieser Zeit zahlreichen Insekten Nahrung.

Wer aufmerksam durch unsere Wiesen spaziert, wird feststellen, dass die Schafgarbe nicht immer weiß blüht. Manchmal begegnen uns auch zartrosa oder kräftiger rosafarbene Exemplare. Diese Farbunterschiede können innerhalb der Gewöhnlichen Schafgarbe und ihrer nah verwandten Formen auftreten. Im Volksglauben wurde rosafarbenen Schafgarben mancherorts sogar eine besonders starke Heilkraft zugeschrieben, wie auch das österreichische Umweltbundesamt in seiner Pflanzenbeschreibung erwähnt. Wissenschaftlich lässt sich daraus allerdings nicht ableiten, dass die rosafarbenen Blüten grundsätzlich wirksamer wären als die weißen.

Für uns sind beide wunderschön, wobei ich zugeben muss, dass die weißen Blüten für unsere Räuchermischung eine ganz besondere Bedeutung bekommen haben. Aber dazu kommen wir noch.

Achilles und die Schafgarbe – Wie ein griechischer Held einer Wiesenpflanze seinen Namen gab

Hinter dem botanischen Namen Achillea verbirgt sich eine Verbindung zur griechischen Mythologie. Der Name erinnert an Achilles, den berühmten Helden des Trojanischen Krieges, der vor allem durch seine sprichwörtlich gewordene verwundbare Ferse bekannt ist.

In der antiken Überlieferung wird Achilles mit der Behandlung von Wunden durch Heilpflanzen in Verbindung gebracht. In der späteren pflanzenkundlichen Tradition entstand daraus die Erzählung, er habe Schafgarbe verwendet, um die Verletzungen seiner Krieger zu versorgen. Daher begegnet uns die Pflanze bis heute auch unter Namen wie Wundkraut oder Soldatenkraut.

Ob Achilles tatsächlich mit genau jener Schafgarbe gearbeitet hätte, die heute auf unseren Wiesen wächst, lässt sich natürlich nicht belegen. Wir bewegen uns hier im Bereich mythologischer Überlieferungen und späterer botanischer Namensdeutungen. Dennoch ist diese Verbindung bemerkenswert, weil die Schafgarbe tatsächlich auf eine lange Geschichte als Heilpflanze zurückblicken kann.

In der europäischen Pflanzenheilkunde wurde sie traditionell unter anderem bei Verdauungsbeschwerden, Menstruationskrämpfen und zur Versorgung kleiner oberflächlicher Wunden eingesetzt. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur führt entsprechende traditionelle Anwendungsgebiete auf. Dabei ist wichtig zu wissen, dass die Einstufung als traditionelles pflanzliches Arzneimittel auf langjähriger Anwendung beruht und nicht automatisch bedeutet, dass sämtliche überlieferten Wirkungen durch umfangreiche klinische Studien nachgewiesen wurden.

Die Schafgarbe enthält verschiedene Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe und ätherische Öle. Ihre Zusammensetzung kann je nach Standort, Pflanzenmaterial und genetischer Ausprägung variieren. Besonders interessant finde ich, wie lange Menschen diese Pflanze bereits beobachten, sammeln und für unterschiedliche Zwecke verwenden. Sie gehört zu jenen Kräutern, die über Generationen hinweg Teil des alltäglichen Erfahrungswissens waren, lange bevor wir ihre Inhaltsstoffe im Labor untersuchen konnten.

Die Schafgarbe im österreichischen Volksbrauchtum

Wer sich mit heimischen Kräutern beschäftigt, begegnet früher oder später der Kräuterweihe rund um Mariä Himmelfahrt am 15. August. In verschiedenen Regionen Österreichs werden zu diesem Anlass Kräuter gesammelt, zu Buschen gebunden und zur Segnung in die Kirche gebracht. Welche Pflanzen dafür verwendet werden, unterscheidet sich je nach Region und örtlicher Überlieferung. Neben bekannten Heil- und Gewürzkräutern findet auch die Schafgarbe in solchen Zusammenhängen Erwähnung.

Besonders interessant ist dabei der sogenannte Frauendreißiger, jener Zeitraum zwischen Mariä Himmelfahrt am 15. August und Mariä Namen am 12. September, der in verschiedenen volkskundlichen Überlieferungen als günstige Zeit für das Sammeln von Heilkräutern galt. Hier begegnen sich christliche Festtraditionen, regionale Bräuche und Vorstellungen über die besondere Kraft der Pflanzen.

Dass sämtliche Kräuter in diesem Zeitraum nachweislich eine höhere Heilkraft besitzen, lässt sich daraus nicht ableiten. Allerdings fällt diese Zeit bei vielen heimischen Pflanzen tatsächlich in eine wichtige Blüte- und Erntephase.

Solche Zusammenhänge interessieren mich besonders, weil sie zeigen, wie eng unsere Vorfahren mit den Jahreszeiten verbunden waren. Pflanzen wurden nicht einfach das ganze Jahr über aus einer Verpackung genommen. Man musste wissen, wann sie wachsen, wann sie blühen, welche Teile gesammelt werden können und wie man sie für die kommenden Monate aufbewahrt. Dieses Wissen war über lange Zeit Teil des alltäglichen Lebens und wurde innerhalb von Familien und Gemeinschaften weitergegeben.

Heute entdecken wir viele dieser Tätigkeiten wieder neu. Wir sammeln Kräuter, trocknen Blüten, verarbeiten Harze und beschäftigen uns mit Pflanzen, die unsere Großeltern oftmals noch ganz selbstverständlich kannten. Dabei sollten wir allerdings vorsichtig sein, nicht jede heutige Verwendung automatisch zu einem jahrtausendealten Brauch zu erklären.

Wurde Schafgarbe früher in Österreich geräuchert?

Gerade beim Räuchern begegnen uns immer wieder Aussagen darüber, welche Pflanzen angeblich bereits unsere keltischen oder germanischen Vorfahren verwendet haben. Oft werden ihnen ganz bestimmte spirituelle Wirkungen zugeschrieben, von der Reinigung negativer Energien über den Schutz vor bösen Geistern bis hin zur Verbindung mit der Anderswelt.

Das klingt geheimnisvoll und lässt sich wunderbar weitererzählen. Nur ist nicht jede dieser Geschichten historisch nachweisbar.

Für die Schafgarbe ist ihre lange Verwendung als Heilpflanze gut dokumentiert. Auch ihre Einbindung in bestimmte regionale Kräuterbräuche lässt sich nachvollziehen. Eine durchgehend belegte österreichische Räuchertradition, die sich mit dieser Pflanze bis in vorchristliche Zeiten zurückverfolgen lässt, ist damit allerdings nicht bewiesen.

Das bedeutet nicht, dass Menschen früher niemals Schafgarbe verräuchert haben. Es bedeutet lediglich, dass wir zwischen einer möglichen historischen Verwendung und einer tatsächlich nachgewiesenen Überlieferung unterscheiden müssen.

Bei Rauhnachtsam ist uns diese Unterscheidung wichtig. Wir lieben alte Geschichten, Märchen, Mythen und Bräuche, aber wir möchten sie nicht mit Behauptungen ausschmücken, die wir historisch nicht ausreichend begründen können. Die Vergangenheit ist auch ohne erfundene Gewissheiten faszinierend genug.

Heute gehört Schafgarbe jedenfalls zu den heimischen Pflanzen, die sich für die Herstellung eigener Räuchermischungen verwenden lassen. Und ich finde, wir dürfen durchaus neue Traditionen entstehen lassen, solange wir ehrlich damit umgehen, woher sie kommen.

Schafgarbe räuchern – Ein herber Duft von unseren Sommerwiesen

Wer Schafgarbe räuchern möchte, sollte wissen, dass sie sich anders verhält als beispielsweise Weihrauch oder Fichtenharz. Während Harze beim Erwärmen weich werden und ihre charakteristischen Duftstoffe freisetzen, beginnen getrocknete Kräuter bei zu hoher Temperatur relativ rasch zu verkohlen.

Deshalb verwenden wir Schafgarbe am liebsten auf einem Räuchersieb über einem Teelicht, wo sich die Wärme vorsichtig dosieren lässt. Wir nehmen dafür vor allem die getrockneten Blütenstände, die wir nach dem Sammeln luftig und schattig trocknen lassen.

Beim sanften Erwärmen entwickelt die Schafgarbe einen eher herben, krautigen Duft, der je nach Trocknung und Temperatur leicht würzige und bittere Noten besitzen kann. Sie ist keine Pflanze, die den ganzen Raum mit einem schweren, süßlichen Duft erfüllt. Vielmehr erinnert sie mich an eine trockene Sommerwiese, an Kräuter zwischen den Fingern und an jene warmen Tage, an denen wir draußen unterwegs waren und unsere Vorräte für die dunkle Jahreszeit gesammelt haben.

Dabei ist uns wichtig, Räuchern nicht mit einer medizinischen Anwendung gleichzusetzen. Dass die Schafgarbe traditionell als Heilpflanze verwendet wird, bedeutet nicht, dass ihr Rauch dieselben Eigenschaften besitzt. Auch natürliche Pflanzenmaterialien können beim Erhitzen und Verbrennen reizende oder gesundheitsschädliche Stoffe freisetzen. Wir verwenden deshalb nur sehr kleine Mengen, vermeiden starke Rauchentwicklung und achten auf ausreichende Belüftung. Menschen mit empfindlichen Atemwegen oder Atemwegserkrankungen sollten auf das Räuchern verzichten.

Unsere Räuchermischung Frau Holle – Warum die Schafgarbe unbedingt dazugehören musste

Eine unserer eigenen Räuchermischungen trägt den Namen Frau Holle. Darin verbinden wir Schafgarbenblüten, Kiefernnadeln und Fichtenharz, also drei Pflanzenmaterialien, die wir aus unserer heimischen Natur kennen und deren Düfte wunderbar miteinander harmonieren.

Die Idee zu dieser Mischung entstand aus unserer Liebe zu den alten Märchen und zur winterlichen Landschaft, aber auch aus der Freude daran, die Pflanzen unserer Sommerwiesen in die dunkle Jahreszeit mitzunehmen.

Und die Schafgarbe spielt darin eine ganz besondere Rolle.

Wenn man ihre vielen kleinen weißen Blüten betrachtet, die sich zu diesen flachen, luftigen Blütenständen zusammensetzen, sehen sie beinahe aus wie winzige weiße Wölkchen. Genau dieser Anblick hat uns auf den Namen Frau Holle gebracht. Denn wer kennt sie nicht, jene geheimnisvolle Frau aus dem Märchen der Brüder Grimm, die ihre Betten ausschüttet und damit Schnee auf die Erde fallen lässt?

Die weißen Blüten der Schafgarbe erinnern uns an diese kleinen Schneewolken, die durch die Luft tanzen, bevor sie sich auf Wiesen, Wälder und Dächer legen. Gemeinsam mit den Kiefernnadeln und dem Fichtenharz entsteht daraus für uns eine Mischung, die den Sommer und den Winter miteinander verbindet.

Die Schafgarbe bringt ihre herbe, krautige Note ein, die Kiefernnadeln ergänzen den Duft mit ihrer frischen, waldigen Charakteristik und das Fichtenharz sorgt beim Erwärmen für jene kräftige, harzige Tiefe, die wir an heimischem Räucherwerk so lieben. Das Harz zerkleinern wir dafür in kleine Brösel und vermischen es mit den getrockneten Pflanzenteilen, sodass sich die unterschiedlichen Materialien gut miteinander verbinden lassen.

Frau Holle ist keine überlieferte historische Räucherrezeptur, und wir behaupten auch nicht, dass die Märchengestalt ursprünglich mit Schafgarbe, Kiefernnadeln und Fichtenharz verehrt wurde. Es ist unsere eigene Mischung, inspiriert von den Bildern und Geschichten, die wir mit dieser alten Sagengestalt verbinden.

Gerade das finde ich schön am Weitertragen von Brauchtum. Wir dürfen die alten Geschichten kennenlernen, ihre Herkunft erforschen und sie gleichzeitig zum Anlass nehmen, etwas Eigenes zu gestalten. So bleiben Märchen und Mythen nicht bloß Erzählungen aus vergangenen Jahrhunderten, sondern finden einen Platz in unserem heutigen Leben.

Und jedes Mal, wenn ich unsere Mischung Frau Holle auf das Räuchersieb lege, sehe ich ein bisschen diese kleinen weißen Schafgarbenwölkchen vor mir und denke daran, wie schön es eigentlich ist, dass eine Pflanze vom sommerlichen Wegrand uns mitten im Winter an Frau Holle erinnern kann.

Schafgarbe sammeln und trocknen – Was wir dabei beachten

Das Schöne an der Schafgarbe ist, dass wir ihr in Österreich vielerorts begegnen können. Sie wächst auf Wiesen, an Wegrändern und Böschungen und benötigt keine aufwendige Pflege, um ihre zahlreichen kleinen Blüten hervorzubringen.

Wenn wir Schafgarbe für unser Räucherwerk sammeln, achten wir darauf, dass die Pflanzen gesund aussehen, trocken sind und an möglichst unbelasteten Standorten wachsen. Direkt an stark befahrenen Straßen oder auf Flächen, die möglicherweise mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, sammeln wir nicht.

Außerdem nehmen wir immer nur einen kleinen Teil der vorhandenen Blüten mit. Die Schafgarbe ist schließlich nicht nur für unsere Räuchermischungen da. Ihre Blüten bieten zahlreichen Insekten Nahrung, und auch die natürliche Vermehrung der Pflanzen sollte nicht durch übermäßiges Sammeln beeinträchtigt werden.

Auf bewirtschafteten Wiesen holen wir vor dem Sammeln die Erlaubnis ein und achten auf mögliche naturschutzrechtliche Beschränkungen. Selbst häufig vorkommende Pflanzen sollten nicht gedankenlos aus ihrer Umgebung entfernt werden.

Nach dem Sammeln lassen wir die Blüten an einem luftigen, schattigen Ort vollständig trocknen. Erst wenn keine Restfeuchtigkeit mehr vorhanden ist, bewahren wir sie in trockenen, gut beschrifteten Behältern auf. So können wir sie auch Monate später noch für unsere Räuchermischungen verwenden.

Wer Schafgarbe selbst sammeln möchte, sollte sie botanisch sicher bestimmen können. Besonders charakteristisch sind ihre fein gefiederten Blätter und die zahlreichen kleinen Blütenköpfchen. Bei Unsicherheit hilft eine zuverlässige botanische Bestimmungshilfe oder eine fachkundige Person.

Die spirituelle Bedeutung der Schafgarbe – Zwischen Überlieferung und eigener Erfahrung

In heutigen Büchern über Räucherkräuter wird die Schafgarbe häufig mit Schutz, Reinigung, Abgrenzung, Mut oder innerer Stärke in Verbindung gebracht. Solche Zuschreibungen gehören zu verschiedenen modernen Kräuter- und Räucherpraktiken und sollten nicht automatisch als historisch belegte Vorstellungen unserer österreichischen Vorfahren verstanden werden.

Für uns persönlich besitzt die Schafgarbe eine andere, sehr einfache Symbolik. Sie erinnert uns daran, dass Stärke nicht immer laut und beeindruckend auftreten muss.

Diese Pflanze wächst auf gewöhnlichen Wiesen, zwischen anderen Gräsern und Kräutern. Sie braucht keine besondere Aufmerksamkeit, um ihre Blüten hervorzubringen, und behauptet sich auch dort, wo die Bedingungen nicht immer ideal sind.

Darin entdecke ich etwas, das sich wunderbar auf unser eigenes Leben übertragen lässt. Wir verbringen so viel Zeit damit, nach den besten Voraussetzungen zu suchen, auf den richtigen Moment zu warten oder uns mit anderen zu vergleichen. Dabei vergessen wir manchmal, wie viel Kraft bereits darin liegt, unter den Bedingungen zu wachsen, die uns gerade zur Verfügung stehen.

Wenn wir Schafgarbe räuchern, dürfen solche Gedanken Teil eines persönlichen Rituals werden. Nicht, weil ihr Rauch nachweislich unsere seelischen Wunden heilt oder uns vor negativen Energien schützt, sondern weil Düfte, Erinnerungen und bewusst gestaltete Handlungen eine persönliche Bedeutung bekommen können.

Wir müssen einer Pflanze keine übernatürlichen Eigenschaften zuschreiben, um ihre Schönheit zu erkennen oder sie in ein Ritual einzubinden.

Schafgarbe in den Rauhnächten – Ein Stück Sommer mitten im Winter

Wenn wir im Dezember unsere getrockneten Kräuter hervorholen, denke ich oft daran, wann und wo wir sie gesammelt haben. An warme Tage, hohe Wiesen und den Duft der Pflanzen, wenn man sie zwischen den Fingern zerreibt. An das Summen der Insekten und an jene besondere Fülle, die der Sommer mit sich bringt.

Jetzt ist es draußen kalt, die Natur hat sich zurückgezogen und vieles, was im Sommer selbstverständlich war, ist verschwunden. Und trotzdem liegt ein kleiner Teil davon noch immer vor uns, getrocknet und aufbewahrt, bereit, wieder seinen Duft zu entfalten.

Gerade in den Rauhnächten, wenn wir uns mit dem vergangenen Jahr beschäftigen, finde ich diesen Gedanken besonders schön. Schließlich tragen auch wir die Erfahrungen unserer vergangenen Monate mit uns. Nicht alles davon war angenehm. Manche Begegnungen haben uns verändert, manche Abschiede haben wehgetan und manches ist anders gekommen, als wir es uns vorgestellt hatten. Aber es gab auch Augenblicke voller Wärme, Freude und Lebendigkeit, die uns niemand mehr nehmen kann.

Für mich ist die Schafgarbe deshalb ein wunderbares heimisches Räucherkraut für die Rauhnächte. Nicht, weil wir behaupten könnten, dass sie schon vor Jahrtausenden genau zu dieser Zeit verräuchert wurde, sondern weil sie uns mit unseren eigenen Wiesen, Jahreszeiten und Erinnerungen verbindet.

Und weil sie uns daran erinnert, dass selbst mitten im Winter noch ein kleines Stück Sommer auf uns warten kann.

Warum wir unsere heimischen Räucherkräuter wieder kennenlernen sollten

Ich habe nichts gegen Weihrauch oder andere Räuchermaterialien aus fernen Ländern. Viele davon besitzen faszinierende Geschichten und bedeutende religiöse Traditionen. Aber ich finde, wir dürfen uns ruhig wieder ein bisschen mehr mit dem beschäftigen, was direkt vor unserer Haustür wächst.

Mit Beifuß, Wacholder, Schafgarbe, heimischen Nadelbäumen und ihren Harzen. Mit Pflanzen, deren Jahreslauf wir selbst beobachten können, deren Blüten wir kennen und deren Duft uns an ganz bestimmte Orte erinnert.

Wir dürfen lernen, wann sie wachsen, welche Tiere von ihnen leben, wie sie gesammelt und getrocknet werden und welche Geschichten über sie erzählt wurden. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Kräuter zu besitzen oder jedem einzelnen eine besondere spirituelle Wirkung zuzuschreiben. Vielmehr dürfen wir wieder aufmerksamer werden für die Natur, die uns umgibt.

Vielleicht beginnt eine tiefere Verbindung zu unserer Umwelt nicht damit, dass wir möglichst weit reisen oder besonders seltene Pflanzen kennenlernen, sondern damit, dass wir den gewöhnlichen Pflanzen wieder unsere Aufmerksamkeit schenken.

Die Schafgarbe steht jedenfalls schon bereit. Auf irgendeiner Wiese, zwischen Gräsern und Klee, mit ihren tausend kleinen Blättern und den weißen Blütenwolken, die uns an Frau Holle erinnern.

Wir müssen nur wieder genauer hinsehen.

Häufig gestellte Fragen zur Schafgarbe

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 011. Österreichisches Umweltbundesamt – Schafgarbe. Botanische Merkmale, Lebensräume, Inhaltsstoffe und volksmedizinische Überlieferungen.
    https://www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/naturschutz/schutzgebiete/gruenes-band/heilpflanzen/schafgarbe
  2. 022. Veterinärmedizinische Universität Wien – Gewöhnliche Schafgarbe. Botanische Beschreibung, Blütezeit und pflanzenkundliche Informationen.
    https://www.vetmeduni.ac.at/botanischer-garten/korbbluetengewaechse/schafgarbe-gewoehnliche
  3. 033. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) – Millefolii herba. Wissenschaftliche Bewertung der traditionellen medizinischen Verwendung von Achillea millefolium.
    https://www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/millefolii-herba
  4. 044. Helga Maria Wolf – Kräuterweihe, ABC zur Volkskunde Österreichs. Volkskundliche Darstellung der Kräuterweihe und regionaler Kräutertraditionen.
    https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_%C3%96sterreichs/Kr%C3%A4uterweihe
  5. 055. Naturschutzbund Österreich – Mehr als nur Mauerblümchen: Schafgarbe als allbekannte Alleskönnerin. Ökologie, Blütezeit und traditionelle Verwendung.
    https://naturschutzbund.at/newsreader-505/items/mehr-als-nur-mauerbluemchen-schafgarbe-als-allbekannte-alleskoennerin-2.html
  6. 066. Naturhistorisches Museum Wien – Flora von Österreich: Achillea millefolium. Botanische Dokumentation der Gewöhnlichen Echt-Schafgarbe.
    https://flora.nhm-wien.ac.at/seiten-arten/achillea-millefolium.htm