Band 04 · Samhain·Kapitel 05

Samhain und Allerheiligen

Zwei Feste, eine Schwelle

12 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Allerheiligen fällt auf den 1. November. Allerseelen auf den 2. November. Samhain, im gälischen Kalender, beginnt am 1. November, gefeiert am Vorabend, dem 31. Oktober. Drei Feste, eine Schwelle. Wer das sieht, fragt sofort: ist das Zufall?

Die Antwort ist eine Frage der Schichten. Allerheiligen und Allerseelen sind christliche Feste, die in ihrer heutigen Form erst im Mittelalter festgelegt wurden. Samhain ist ein gälischer Festtermin, der in der irischen Überlieferung weit älter bezeugt ist. Dass sie auf dieselbe Schwelle fallen, ist keine zufällige Datumskollision — aber die genaue historische Verbindung ist komplexer, als oft behauptet wird.

Woher Allerheiligen kommt

Allerheiligen wurde im 8. Jahrhundert unter Papst Gregor III. auf den 1. November gelegt — zunächst in Rom, dann im gesamten westlichen Christentum. Der Tag war dem Gedächtnis aller Heiligen gewidmet, derer, die kein eigenes Fest im Kalender hatten. Allerseelen, der Tag des Gedächtnisses aller Verstorbenen, wurde im 10. Jahrhundert im Kloster Cluny eingeführt und verbreitete sich von dort. Beide Feste haben eine klare christliche Geschichte, die sich datieren lässt.

Die Frage ist, warum gerade der 1. November gewählt wurde. Eine verbreitete Deutung sieht darin eine bewusste Christianisierung der gälischen Schwelle: die Kirche habe ihr Fest auf den alten Termin gelegt, um die ältere Überlieferung zu überformen. Das ist plausibel, aber nicht in der Eindeutigkeit belegt, in der es oft behauptet wird. Was sich sagen lässt: die Termine fallen zusammen, und die Kirche hatte ein Interesse daran, christliche Feste an bestehende Schwellen zu legen.

Was die Schichten trennt

Wer Samhain und Allerheiligen zusammen denkt, tut gut daran, die Schichten auseinanderzuhalten. Samhain ist ein gälischer Festtermin, bezeugt in der mittelalterlichen irischen Literatur, verbunden mit dem Beginn des Winters und der Durchlässigkeit der Grenze. Allerheiligen ist ein christliches Fest, bezeugt seit dem 8. Jahrhundert, verbunden mit dem Gedächtnis der Heiligen. Allerseelen ist ein christliches Fest, bezeugt seit dem 10. Jahrhundert, verbunden mit dem Gedächtnis aller Verstorbenen.

Die drei Feste haben unterschiedliche Ursprünge, aber sie fallen auf dieselbe Schwelle und sie tragen, in ihrer Summe, eine ähnliche Frage: was geschieht an der Grenze zwischen der hellen und der dunklen Hälfte, zwischen dem Leben und dem Tod? Die christlichen Feste beantworten die Frage auf ihre Weise — mit dem Gedächtnis der Heiligen und der Verstorbenen. Die gälische Überlieferung beantwortet sie auf ihre Weise — mit der Durchlässigkeit der Grenze und der Nähe der Anderswelt.

„Drei Feste, eine Schwelle. Jedes antwortet auf seine Weise auf die Frage, was an der Grenze zwischen Leben und Tod geschieht."

Wie die Schichten ineinandergreifen

Im irischen Brauchtum greifen die Schichten ineinander. Oíche Shamhna, die Nacht von Samhain, und die christlichen Feste Allerheiligen und Allerseelen liegen dicht beieinander und haben sich gegenseitig beeinflusst. Die Volksbräuche, die das National Museum of Ireland dokumentiert, tragen beide Schichten: gälische Vorstellungen von der Rückkehr der Toten und christliche Gesten des Gedächtnisses.

Wer das versteht, versteht, warum es so schwer ist, „das eine“ Samhain oder „das eine“ Allerheiligen zu fassen. Beide sind Schichten, die über Jahrhunderte ineinandergelagert sind. Wer sie feiert, feiert nicht eine der Schichten allein, sondern eine Landschaft von Überlieferungen, die sich an derselben Schwelle gesammelt haben.

Was das heute trägt

Wer heute Anfang November die Schwelle begeht, kann beide Schichten achten — die gälische und die christliche —, ohne eine gegen die andere ausspielen zu müssen. Wer einen Verstorbenen gedenkt, steht in einer christlichen wie in einer gälischen Überlieferung. Wer die Grenze für durchlässig hält, steht in der gälischen Vorstellung der Schwellenzeit. Wer eine Kerze entzündet, steht in beiden. Die Schwelle trägt mehrere Schichten, und das ist kein Mangel, sondern ihre ehrliche Lage.

Vielleicht liegt darin das Schönste an dieser Zeit: dass sie so viele Schichten trägt, ohne dass eine die andere verdrängen muss. Samhain, Allerheiligen, Allerseelen — drei Antworten auf dieselbe Frage, an derselben Schwelle. Wer sie zusammen sieht, sieht eine Landschaft, die über Jahrhunderte gewachsen ist. Und wer sie begeht, begeht sie mit dem Bewusstsein, dass sie alt ist, ohne sich eine Vergangenheit erfinden zu müssen, die so nie einheitlich war.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Hutton, Ronald (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Zur Geschichte von Allerheiligen, Allerseelen und ihrer Verbindung zu den älteren Schwellen.
    https://academic.oup.com/book/1390
  2. 02Hutton, Ronald (2024): „The Celtic New Year and Feast of the Dead“. Folklore, 135 (1). Zur Frage der Christianisierung des Samhain-Termins.
    https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0015587X.2023.2282282
  3. 03National Museum of Ireland – National Folklife Collection: „Traditions and customs of Halloween / Samhain“. Zu den ineinandergelagerten Schichten gälischer und christlicher Überlieferung.
    https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/Hallowe-en-Samhain
  4. 04Danaher, Kevin (1972): The Year in Ireland: Irish Calendar Customs. Mercier Press. Zu den irischen Bräuchen rund um Allerheiligen, Allerseelen und Oíche Shamhna.
  5. 05Lehmann, Albrecht (2007): Europäischer Volksglaube und Brauch. Metzler. Zur Christianisierung älterer Schwellen und der Schichtenfrage.
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