Perchta/Hulda/Frau Holle
MÄRCHEN AUFLEBEN LASSEN…
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Es gibt sie überall – ob im Norden, Süden, in uralten Geschichten oder den lebendigsten Legenden – die geheimnisvolle Gestalt, die wir als Perchta, Frau Holle oder Hulda kennen. Mancherorts nennen sie die Leute Frau Gode, an anderen Stellen Sperchta. Ihre vielen Namen klingen wie ein leises Echo ihrer Kraft, das über die Jahrhunderte hinweg hallt. Jacob Grimm, einer der Brüder Grimm, hat selbst eine Karte der Region gezeichnet, die zeigt, wo sie sich in welcher Gestalt verbirgt. Ob Frau Holle, die in Hessens Wäldern über Bettfedern schüttelt und Schnee bringt, oder Perchta, die in Bayern den Winter austreibt – sie verkörpert die Grenze zwischen Licht und Dunkelheit, Leben und Tod - GUT und BÖSE!
Stell dir vor, du stehst in einer verschneiten Winternacht am Rand eines kleinen Dorfes. Aus der Ferne hörst du lautes Glockengeläute und gedämpftes Murmeln. Die Perchten, Maskengestalten zwischen Schön und Schiach (also schön und schrecklich), ziehen mit Fackeln und Fratzen vorbei, um das Alte zu vertreiben und das Neue willkommen zu heißen. Mittendrin, mit strenger Miene und einem geheimnisvollen Blick, schreitet Perchta. Sie ist die Bärmutter, die Lebensspenderin, die vielleicht auf den ersten Blick unheimlich wirkt, aber wer in ihre beiden Gesichter schaut, erkennt: Hier vereinen sich Tod und Geburt, Dunkelheit und Licht.
Wenn die langen Nächte dichter werden und das Land im ersten Frost glitzert, beginnt die Zeit, in der die alten Geschichten wieder wach werden. Geschichten, die nicht in Büchern geboren wurden, sondern in Bauernstuben, in Berghöfen, auf windgepeitschten Almen und an tiefen, dunklen Teichen. Geschichten über zwei Frauen, die seit Jahrhunderten durch den Winter wandern: Holle und Perchta.
Nicht Prinzessinnen, nicht Märchenfiguren – sondern archaische Wintermächte, älter als jedes Christkind und tiefer verwurzelt als jeder Weihnachtsbrauch.
Man sagt:
Wenn Holle ihre Betten schüttelt, beginnt es zu schneien.
Wenn Perchta durch die Täler zieht, schweigen sogar die wilden Tiere.
Und irgendwo zwischen Schneeflocken und Sternenlicht öffnen sich die Geschichten, die uns erklären, warum der Winter einst nicht nur kalt war – sondern heilig.
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Perchta, die in den „Tagen zwischen den Jahren“ – den Rauhnächten – über die Welten wandert, ist nicht nur ein Winteraspekt einer alten Göttin. Sie steht an der Schwelle zwischen dem Diesseits und der Anderswelt, als „Zaunreiterin“ oder auch Hagazusa. Sie überschreitet Grenzen, löst das Alte auf und gibt dem Neuen Raum, wie die winterliche Dunkelheit, die das Licht langsam gebiert. Während dieser heiligen Nächte sind die natürlichen Gesetze angeblich außer Kraft gesetzt. Die Welt fühlt sich ein bisschen verschoben an, fast so, als könnten wir mit einem Fuß die Grenzen der Realität hinter uns lassen. Genau dann erscheint Perchta, Anführerin der Wilden Jagd, und zieht mit den Seelen der Verstorbenen durch die Winternächte.
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Schon im 11. Jahrhundert sprach man von einer wilden Jagd, einem Geisterheer, das in den Rauhnächten durch die Lüfte jagt. Die Anführerin dieser Jagd, damals als Holda bekannt, löste Stürme aus und trug den Hauch des Unheimlichen in sich. Doch als die Zeit verging, formte man die ursprüngliche, ungezähmte Göttin zu Frau Holle um – nicht so furchterregend, passend für ein Märchen, das Kindern erzählt wird. Die ursprüngliche Kraft jedoch, das Wild- und Dunkle, blieb unter der Oberfläche erhalten.
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Historiker und Forscher rätseln seit Langem über ihre Ursprünge, und die Vermutungen sind spannend: Manche sagen, sie war einst eine mächtige Göttin, andere sehen in ihr die „Enkelin einer Göttin“, die das alte Wissen in neuer Form weiterträgt. In den Siebzigern und Achtzigern spekulierte man, dass sie der Überrest einer uralten Religion sei, die ganz Deutschland umfasste. Heute wird diese Theorie jedoch angezweifelt, und statt einer strikten Religion spricht man lieber von einem „Wurzelwerk“ an Bräuchen und Geschichten. Perchta bleibt ein wildes Mysterium – und das passt ja auch viel besser, oder?
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Und wie so oft in diesen alten Sagen und Märchen geht es um Dualität. Ein Muster, das sich auch bei Frau Holle wiederfindet: Die brave Goldmarie und die faule Pechmarie. Die gute Tochter sticht sich den Finger blutig und landet in einer fremden Welt, wo sie die Aufgaben der alten Frau erfüllt – und wird am Ende mit Gold überschüttet. Die unartige Schwester dagegen, die in die gleiche Welt geht, jedoch ohne Eifer, endet mit Pech übergossen. Das Märchen zeigt eine klare Moral, aber ist es wirklich so einfach? Ist das "Perfekte" immer das Perfekte? Oder brauchen wir nicht auch das Dunkle, das Wilde in uns?
Je weiter man in den Süden kommt, desto mehr verändert sich die Gestalt dieser Winterfrau.
Aus Holle wird Perchta – „die Helle“, „die Reine“, „die Strahlende“.
Doch wer nur die helle Percht kennt, kennt nur die Hälfte der Wahrheit.
Denn Perchta wandert in zwei Gestalten durch den Winter:
Die schöne Percht – die Lichtbringerin
Sie erscheint in leuchtendem Weiß, mit Frost im Haar und Sternen im Gewand.
Sie segnet Haus und Hof, schützt die Kinder und wacht über die Frauenarbeit, vor allem das Spinnen und Weben.
Wo Ordnung, Fleiß und Herz herrschen, bringt sie Glück.
Die schiache (wilde) Percht – die Prüfende
Mit Perchtenfuß, Maske und begleitet vom wilden Heer ist sie die Urkraft des Winters selbst.
Sie prüft, durchleuchtet, konfrontiert.
In der Nacht geht sie durch die Türen der Menschen und schaut, ob das Alte geordnet, das Neue bereit und der Mensch im Gleichgewicht ist.
Hier beginnt der Brauch der Perchtenläufe – nicht bloß Touristenattraktion, sondern ein uraltes Ritual der Reinigung, des Lärms und der Wandlung.
Die Schönperchten bringen Segen.
Die Schiachperchten treiben Dunkelheit, Stillstand und alte Geister hinaus.
Die zarte Blondine vs. die bluadige Luz
Interessant ist auch, dass die Kirche später versuchte, die wilde Percht durch die heilige Luzia zu ersetzen – die „zarte Blondine im weißen Kleidchen“. Doch die Menschen hatten wenig Lust auf eine weichgespülte Version und blieben lieber bei der wilden Percht, die mit den Kräften des Winters kämpft. So wurde aus der heiligen Luzia in den volkstümlichen Erzählungen die „Blutige Luz“, eine dunkle, ungezähmte Seite der Lichtgestalt, die den Gegenspieler in sich trägt.
In der nächsten Folge dieser Reihe werde ich euch noch mehr von diesen schaurig-schönen Bräuchen erzählen und darüber, was Perchta in der Zeit der Rauhnächte verlangt und was sie strikt verbietet. Schließlich habe ich als Percht selbst schon den einen oder anderen Lauf miterlebt und kann euch versichern: Wenn Perchta mit einem durchdringenden Blick das Urteil über „Fleiß“ oder „Faulheit“ fällt, sollte man lieber auf der guten Seite stehen. Bis dahin – bleibt neugierig und vielleicht ein wenig vorsichtig! 🤫🤫

