Orakelbräuche und Lostage

Vom Wetterwissen unserer Vorfahren, den besonderen Tagen des Bauernjahres und der alten Sehnsucht, einen Blick in die Zukunft zu werfen

16 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Stell dir vor, du lebst vor zweihundert Jahren auf einem Bauernhof irgendwo in Oberösterreich. Der Winter ist noch lange nicht vorüber, das Heu im Stall wird langsam weniger, und du fragst dich, wann endlich der Frühling kommen wird. Ob du rechtzeitig aussäen kannst, ob ein später Frost die jungen Pflanzen beschädigt und ob das Wetter im Sommer eine gute Ernte zulassen wird, weißt du nicht. Also beobachtest du die Wolken, die Tiere und den Wind, erinnerst dich an die Erzählungen deiner Eltern und Großeltern und orientierst dich an jenen besonderen Tagen im Kalender, denen man seit Generationen eine gewisse Aussagekraft zuschreibt.

Solche Tage nannte man Lostage, und davon gab es im bäuerlichen Jahreslauf eine ganze Menge. Manche sollten verraten, wann der Winter endet, andere gaben angeblich Auskunft über die kommende Ernte oder darüber, ob ein Sommer eher nass oder trocken werden würde. Wieder andere waren mit persönlichen Zukunftsfragen verbunden, bei denen es um Liebe, Heirat, Glück und Wohlstand ging.

Die Geschichte der Lostage führt uns durch das gesamte Jahr, von Lichtmess im Februar über die Eisheiligen im Mai und den Siebenschläfertag im Juni bis zu Martini im November und den besonderen Orakelnächten des Winters. Sie erzählt von Naturbeobachtung und überlieferten Erfahrungen, aber auch von religiösen Vorstellungen, astrologischen Deutungen und jener menschlichen Eigenschaft, die sich bis heute erstaunlich hartnäckig hält: Wir würden eben manchmal schon ganz gerne wissen, was morgen passiert.

Was ist eigentlich ein Lostag?

Der Begriff Lostag bezeichnet einen besonderen Kalendertag, dem im Volksglauben eine Bedeutung für die Vorhersage zukünftiger Ereignisse zugeschrieben wurde. Häufig handelte es sich um Wettervorhersagen, doch auch Fragen nach persönlichen Lebensereignissen oder bestimmte Rechts- und Arbeitstermine konnten damit verbunden sein.

Viele dieser Tage orientierten sich am christlichen Heiligenkalender, der das Leben der Menschen über Jahrhunderte strukturierte. Bevor sich die heute selbstverständliche Datumsangabe mit Zahlen überall durchgesetzt hatte, benannte man Termine häufig nach Heiligentagen. Man wusste, dass eine Arbeit bis Michaeli abgeschlossen sein sollte, dass zu Martini bestimmte Abgaben fällig wurden oder dass Lichtmess einen wichtigen Einschnitt im bäuerlichen Arbeitsjahr markierte.

Die österreichische Volkskundlerin Helga Maria Wolf beschreibt, wie sich solche Termine mit Wetterregeln, Arbeitsgewohnheiten und gesellschaftlichen Verpflichtungen verbanden. Schon in der frühen Neuzeit wurden zahlreiche Regeln in gedruckten Kalendern und sogenannten Bauernpraktiken verbreitet. Eine besonders bekannte Bauernpraktik erschien 1508 vermutlich in Augsburg und enthielt Hinweise zu Saat, Wachstum und Ernte.

Dabei kamen ganz unterschiedliche Wissensbestände zusammen. Manche Regeln gingen auf tatsächliche Naturbeobachtungen zurück, andere auf antike astrologische Vorstellungen, und wieder andere entstanden durch die Verbindung regionaler Erfahrungen mit religiösen Festtagen.

Lichtmess – wenn das Bauernjahr wieder in Bewegung kommt

Am 2. Februar wurde und wird in der katholischen Tradition das Fest der Darstellung des Herrn gefeiert, das im Volksmund lange als Mariä Lichtmess bekannt war. In Österreich besaß dieser Tag weit über seine religiöse Bedeutung hinaus einen festen Platz im bäuerlichen Jahreslauf.

Zu Lichtmess wurden vielerorts Dienstverhältnisse beendet oder erneuert, Löhne ausbezahlt und neue Vereinbarungen getroffen. Knechte und Mägde konnten den Arbeitsplatz wechseln, während auf den Höfen langsam die Vorbereitungen für die kommende Arbeitssaison begannen.

Auch als Lostag war Lichtmess bekannt. Die überlieferte Wetterregel „Wenn’s an Lichtmess stürmt und schneit, ist der Frühling nicht mehr weit“ gehört zu jenen Sprüchen, die bis heute gelegentlich zu hören sind. Daneben existieren Varianten, nach denen gerade schönes und sonniges Wetter auf einen längeren Winter hindeuten soll.

Solche Regeln wirken zunächst widersprüchlich, erzählen aber von einer Zeit, in der Menschen versuchten, aus dem Wetter eines bestimmten Tages Rückschlüsse auf die kommenden Wochen zu ziehen.

Die Eisheiligen – wenn der Frühling noch einmal kalt wird

Kaum eine Gruppe von Lostagen ist in Österreich so bekannt wie die Eisheiligen. Mitte Mai erinnern die Gedenktage von Pankratius, Servatius, Bonifatius und der sogenannten Kalten Sophie daran, dass auch ein bereits angenehm warmer Frühling noch einmal von kalten Nächten unterbrochen werden kann.

Für Menschen, die Gemüse anbauen oder Obstbäume besitzen, ist diese Erfahrung bis heute relevant. Spätfröste können empfindliche Pflanzen schädigen, und besonders in ungünstigen Lagen reicht manchmal bereits eine einzige kalte Nacht aus, um erhebliche Schäden anzurichten.

Der meteorologische Hintergrund solcher Kaltlufteinbrüche ist durchaus nachvollziehbar, doch die genaue Bindung an einzelne Heiligentage lässt sich wissenschaftlich nicht als verlässliche Vorhersage bestätigen. Entscheidend sind die tatsächlichen Wetterlagen, die regionale Höhenlage und die Empfindlichkeit der jeweiligen Pflanzen.

Dass die Eisheiligen dennoch so bekannt geblieben sind, zeigt, wie eng bäuerliche Erfahrungen und der traditionelle Kalender miteinander verbunden waren.

Medardus, Johannistag und Siebenschläfer – was bringt der Sommer?

Auch der Juni kennt mehrere bekannte Lostage. Am 8. Juni wird der heilige Medardus genannt, dessen Gedenktag in unterschiedlichen Wetterregeln mit der Vorstellung verbunden wurde, das Wetter könne über längere Zeit ähnlich bleiben.

Am 24. Juni folgt der Johannistag, der vielerorts nicht nur mit Feuerbräuchen, sondern auch mit Regeln über Regen, Ernte und den weiteren Sommerverlauf verbunden war.

Besonders bekannt ist jedoch der Siebenschläfertag am 27. Juni, dem die Vorstellung zugeschrieben wurde, das Wetter dieses Tages könne den Verlauf der kommenden sieben Wochen anzeigen.

Bei dieser Regel ist die historische Kalenderentwicklung besonders interessant. Zahlreiche ältere Wetterregeln entstanden vor oder im Umfeld der gregorianischen Kalenderreform von 1582, durch die sich die Datumszuordnung veränderte. Deshalb ist es problematisch, historische Regeln ohne Weiteres auf einen einzelnen heutigen Kalendertag zu übertragen.

Tatsächlich können sich bestimmte großräumige Wetterlagen im Frühsommer über längere Zeiträume als vergleichsweise beständig erweisen. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass der Regen am 27. Juni automatisch sieben Wochen schlechtes Wetter ankündigt.

Michaeli und Martini – wenn das Arbeitsjahr zu Ende geht

Auch im Herbst begegnen uns bedeutende Lostage, die weit mehr waren als bloße Wetterorakel. Der Michaelistag am 29. September markierte in verschiedenen Regionen einen wichtigen Einschnitt im landwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Jahreslauf.

Mit dem Ende der hellen Jahreszeit veränderten sich die Arbeitsbedingungen, und zahlreiche Tätigkeiten mussten nun bei künstlichem Licht verrichtet werden. In der österreichischen Volksüberlieferung begegnet uns dazu der Spruch, Mariä Verkündigung am 25. März blase das Licht aus, während Sankt Michael es am 29. September wieder anzünde.

Damit war eine sehr praktische Erfahrung gemeint: Während der helleren Monate konnte man viele Arbeiten bei Tageslicht erledigen, im Herbst wurde das künstliche Licht wieder wichtiger.

Am 11. November folgte Martini, ebenfalls ein bedeutender Termin im bäuerlichen und gesellschaftlichen Kalender. In verschiedenen Regionen war dieser Tag mit Abgaben, Dienstverhältnissen und bestimmten Formen der Entlohnung verbunden. Helga Maria Wolf beschreibt beispielsweise die sogenannte Lesgans für Arbeiter in den Weingärten sowie die Lichtgans für Handwerksgesellen, die nun wieder bei künstlichem Licht arbeiteten.

An solchen Beispielen erkennen wir, dass Lostage nicht ausschließlich dazu dienten, das Wetter vorherzusagen. Sie halfen auch dabei, das Arbeitsjahr zu gliedern und wiederkehrende Verpflichtungen zeitlich festzulegen.

Wenn man wissen wollte, wen man einmal heiratet

Neben den Wetter- und Arbeitsterminen gab es besondere Tage, an denen Menschen versuchten, Auskunft über ihre persönliche Zukunft zu erhalten. Gerade die dunkle Jahreszeit bot dafür zahlreiche Gelegenheiten, und in Österreich sind unterschiedliche Formen solcher Orakelbräuche überliefert.

Die Thomasnacht am 21. Dezember gehörte regional zu den besonders bedeutsamen Terminen. Für Tirol sind beispielsweise Formen des Losens dokumentiert, bei denen Menschen Hinweise auf eine zukünftige Heirat oder ihren Wohlstand zu erhalten hofften.

Auch das Werfen eines Schuhs oder das Lauschen auf bestimmte Geräusche begegnet uns in europäischen Orakelüberlieferungen. In volkskundlichen Beschreibungen aus dem Raum Wels-Land findet sich sogar ein Baumorakel, bei dem ein Mädchen einen fruchttragenden Baum schütteln und anschließend auf das Bellen eines Hundes achten sollte. Die Richtung, aus der das Bellen kam, sollte angeblich verraten, woher ihr zukünftiger Ehemann kommen würde.

Allerdings zeigt gerade dieses Beispiel, wie vorsichtig wir mit alten Brauchbeschreibungen umgehen müssen. Claudia Resch weist in ihrer Untersuchung darauf hin, dass die befragten Personen dieses Baumorakel nicht aus eigener Erfahrung kannten. Ob es in der beschriebenen Form tatsächlich verbreitet praktiziert wurde, ist deshalb nicht gesichert.

Die Geschichte ist dennoch ein schönes Beispiel dafür, welche Fragen Menschen beschäftigten und wie viel Fantasie sie entwickelten, um Antworten darauf zu finden. Wer heute einen Hund nach seinem zukünftigen Liebesleben befragen möchte, sollte sich allerdings darauf einstellen, dass dieser vermutlich vor allem an einem Spaziergang interessiert ist.

Die zwölf Rauhnächte als Spiegel des kommenden Jahres

Erst gegen Ende des Jahres begegnen wir schließlich jenen Orakelvorstellungen, die heute besonders eng mit den Rauhnächten verbunden werden. In unterschiedlichen Überlieferungen wurden die besonderen Nächte rund um Weihnachten und den Jahreswechsel mit Wetterbeobachtungen, Träumen und Zukunftsdeutungen verknüpft.

Die heute weit verbreitete Vorstellung, jede der zwölf Nächte stehe für einen bestimmten Monat des kommenden Jahres, greift solche älteren Motive auf. Allerdings gab es regional unterschiedliche Zählweisen der Rauhnächte, und die modernen ausführlichen Deutungssysteme mit Traumtagebüchern, persönlichen Botschaften und Reflexionsfragen sind nicht als einheitliche jahrtausendealte Tradition nachgewiesen.

Wenn wir heute die Rauhnächte bewusst gestalten, dürfen wir uns deshalb durchaus von historischen Orakelvorstellungen inspirieren lassen. Wir sollten nur zwischen überlieferten Bräuchen und unseren heutigen Formen der persönlichen Auseinandersetzung unterscheiden.

Wie viel Wahrheit steckt in den alten Wetterregeln?

Nicht jede Bauernregel ist Unsinn, und nicht jede überlieferte Wetterbeobachtung besitzt eine verlässliche Vorhersagekraft. Manche Regeln können auf tatsächliche wiederkehrende Witterungsmuster oder langfristige Erfahrungen zurückgehen, während andere durch regionale Unterschiede, die historische Kalenderentwicklung oder ihre astrologische Herkunft nur begrenzt aussagekräftig sind.

Die entscheidende Frage lautet deshalb immer, was genau eine Regel behauptet und ob sich diese Behauptung anhand meteorologischer Daten überprüfen lässt.

Dass bestimmte Wetterlagen zu einer bestimmten Jahreszeit häufiger auftreten können, bedeutet noch lange nicht, dass sich aus einem einzelnen Lostag das Wetter mehrerer Wochen sicher bestimmen lässt.

Gerade darin liegt der Unterschied zwischen einer historisch interessanten Wetterregel und einer wissenschaftlich belastbaren Prognose.

Warum uns die Lostage heute noch etwas erzählen können

Wenn wir die Lostage über das gesamte Jahr betrachten, erkennen wir, wie eng das Leben früherer Generationen mit dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden war. Die Menschen beobachteten ihre Umgebung, richteten Arbeiten nach wiederkehrenden Terminen aus und versuchten, aus den Erfahrungen vergangener Jahre Hinweise für die Zukunft zu gewinnen.

Manche dieser Beobachtungen waren durchaus klug, andere erwiesen sich als unzuverlässig, und wieder andere erzählen uns heute vor allem etwas über die religiösen Vorstellungen und gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit.

Was mich an den Lostagen besonders interessiert, ist diese Mischung aus Naturbeobachtung und menschlicher Hoffnung. Denn hinter den alten Wetterregeln standen Menschen, die sich um ihre Ernte sorgten, auf einen guten Sommer hofften oder wissen wollten, ob das kommende Jahr leichter werden würde als das vergangene.

Und während wir heute wesentlich bessere Möglichkeiten besitzen, Wetter und Klima wissenschaftlich zu untersuchen, bleibt uns eine Erfahrung mit unseren Vorfahren gemeinsam: Wir können die Zukunft niemals vollständig kennen.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, die Lostage wieder als Teil unserer Kulturgeschichte kennenzulernen, alte Bauernregeln mit dem tatsächlichen Wetter zu vergleichen und aufmerksam zu beobachten, wie sich die Natur im Laufe des Jahres verändert.

Denn manchmal verrät uns ein Blick aus dem Fenster mehr über die Jahreszeit als jede noch so geheimnisvolle Prophezeiung.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 011. Helga Maria Wolf: „Lostage und Wetterregeln". In: ABC zur Volkskunde Österreichs, Austria-Forum. Zur Geschichte der Lostage, zum bäuerlichen Kalender, zu Bauernpraktiken und den wichtigsten Terminen im Jahreslauf. https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_%C3%96sterreichs/Lostage/Essay_Lostage
  2. 022. Helga Maria Wolf: „Lostage". In: ABC zur Volkskunde Österreichs, Austria-Forum. Übersicht über die historischen Lostage und ihre Bedeutung für Arbeit, Wetter und Volksglauben. https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_%C3%96sterreichs/Lostage
  3. 033. Helga Maria Wolf: „Darstellung des Herrn". In: ABC zur Volkskunde Österreichs, Austria-Forum. Zur Bedeutung von Mariä Lichtmess als kirchlichem Fest, Lostag und Termin im bäuerlichen Arbeitsjahr. https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_%C3%96sterreichs/Darstellung_des_Herrn
  4. 044. Claudia Resch: „Fragebögen, Brauchtumspflege, Erinnerungen". In: brauch.at. Zur kritischen Einordnung regionaler Orakelbräuche aus Oberösterreich. https://www.brauch.at/folge01/ch03s08.html
  5. 055. Universität Innsbruck: „Rauhnacht". Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft. Zur regionalen Überlieferung winterlicher Orakel- und Losbräuche. https://www.uibk.ac.at/de/geschichte-ekw/datenbanken/feste-und-braeuche/rauhnacht/
  6. 066. Robert Schindler (1964): „Der 100. und der 200. Tag in Bauernkalender und Wetterregel". In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde. Volkskundliche Untersuchung zur Kalendergeschichte und zur Bedeutung bestimmter Lostage. https://volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/uploads/downloads/OeZV_Volltexte/OEZV_1964.pdf