Winterbräuche im Alpenraum
Von Perchten, Glöcklern und dem Lärm, der durch die Winternächte zog
Wer schon einmal Anfang Jänner im Salzkammergut unterwegs war, kennt vielleicht diesen eigenartigen Moment, wenn aus der winterlichen Dunkelheit plötzlich Glockengeläut zu hören ist. Erst ein fernes Scheppern, dann werden die Geräusche lauter, bis schließlich eine ganze Gruppe weiß gekleideter Gestalten erscheint, über deren Köpfen kunstvoll gefertigte, leuchtende Kappen durch die Nacht wandern. Die Glöckler sind unterwegs.
Ein paar Täler weiter sieht das winterliche Brauchtum bereits ganz anders aus. Dort begegnen uns gewaltige Masken, lange Hörner, kunstvolle Kopfbedeckungen und Gestalten, die gleichermaßen Ehrfurcht, Neugier und gelegentlich auch ein wenig Unbehagen hervorrufen.
Der österreichische Alpenraum besitzt eine erstaunliche Vielfalt solcher Winterbräuche. Manche sind laut und ausgelassen, andere streng geregelt, manche ausgesprochen schön anzusehen und wieder andere wirken, als wären sie geradewegs aus einer ziemlich ungemütlichen Sage gestiegen.
Wer nach ihrer Herkunft fragt, bekommt häufig eine rasche Erklärung: Das alles gehe auf uralte heidnische Rituale zurück, mit denen unsere Vorfahren die bösen Wintergeister vertrieben hätten.
So einfach ist die Geschichte allerdings nicht. Und sie wird keineswegs weniger spannend, wenn wir genauer hinschauen.
Warum der Winter so viele Bräuche hervorgebracht hat
Für die Menschen früherer Jahrhunderte war der Winter eine Jahreszeit, die den Alltag grundlegend veränderte. Die Arbeit auf den Feldern ruhte weitgehend, die Tage waren kurz, und besonders in abgelegenen Gegenden konnten Schnee und schlechte Wege die Verbindung zu anderen Ortschaften erschweren.
Gleichzeitig war der Winter eine Zeit, in der Menschen häufiger gemeinsam in den Häusern arbeiteten, Geschichten erzählten und sich auf religiöse Festtage vorbereiteten.
Das Kirchenjahr spielte dabei eine bedeutende Rolle. Advent, Weihnachten, der Jahreswechsel und das Dreikönigsfest strukturierten diese Wochen ebenso wie regionale Gewohnheiten und Vorstellungen des Volksglaubens.
Rund um die Rauhnächte entstanden zahlreiche Regeln und Erzählungen. Bestimmte Arbeiten sollten unterbleiben, das Haus musste in Ordnung sein, und in manchen Regionen glaubte man, dass während dieser Nächte besondere Gestalten unterwegs seien.
Solche Überlieferungen spiegeln eine Welt, in der religiöse Vorstellungen, praktische Sorgen und gemeinschaftliches Leben eng miteinander verbunden waren.
Dabei gab es niemals ein einziges, überall gleich gefeiertes Winterfest. Schon zwischen benachbarten Tälern konnten sich die Bräuche erheblich unterscheiden.
Frau Percht – eine Gestalt mit vielen Gesichtern
Zu den bekanntesten Figuren des alpinen Winterbrauchtums gehört Frau Percht, die in unterschiedlichen regionalen Überlieferungen auch als Bercht oder in verwandten Namensformen begegnet.
Ihre Erscheinung ist bemerkenswert widersprüchlich. Manchmal wird sie als schöne, wohlwollende Gestalt beschrieben, andernorts besitzt sie ein furchterregendes Aussehen und bestraft Menschen, die gegen bestimmte Regeln verstoßen.
Besonders eng ist sie mit Vorstellungen rund um die winterlichen Arbeitsverbote verbunden. In manchen Erzählungen kontrolliert sie, ob die Spinnarbeit rechtzeitig abgeschlossen wurde oder ob die Menschen die vorgeschriebenen Speise- und Verhaltungsregeln eingehalten haben.
Die angedrohten Strafen konnten ausgesprochen grausam sein. Wer beispielsweise bestimmte Speisegebote missachtete, musste in manchen Geschichten damit rechnen, dass Frau Percht ihm den Bauch aufschneiden würde.
Man merkt schnell, dass frühere Generationen bei ihren Erziehungsgeschichten gelegentlich eine recht drastische Fantasie entwickelten.
Doch gerade diese Geschichten verraten uns einiges über gesellschaftliche Erwartungen. Ordnung, Arbeitsfleiß, das Einhalten von Festzeiten und die Versorgung des Haushalts waren wichtige Themen, die sich in solchen Erzählungen wiederfinden.
In der Forschung wurde immer wieder darüber diskutiert, ob hinter Frau Percht eine ältere vorchristliche Gottheit stehen könnte. Solche Zusammenhänge sind möglich, lassen sich aus den erhaltenen Quellen aber nicht in einer einfachen, ununterbrochenen Entwicklung beweisen.
Die historisch greifbare Percht gehört zu einer über Jahrhunderte gewachsenen Welt aus Sagen, religiösen Vorstellungen und regionalen Bräuchen.
Die Perchtenläufe – zwischen Schönheit und Schrecken
Wenn wir heute von Perchten sprechen, denken viele Menschen zuerst an große, furchterregende Holzmasken, Fellgewänder und schwere Glocken.
Doch die historische Vielfalt der Perchtenläufe reicht weit darüber hinaus.
In mehreren Regionen Österreichs unterscheidet man zwischen Schönperchten und Schiachperchten. Während die einen kunstvolle Gewänder und oft aufwendige Kopfbedeckungen tragen, erscheinen die anderen in abschreckenden Masken.
Besonders eindrucksvoll ist der Gasteiner Perchtenlauf im Bundesland Salzburg. Dort ziehen zahlreiche Figuren durch die Ortschaften, darunter Kappenträger:innen mit meterhohem Kopfschmuck, aber auch unterschiedliche traditionelle Begleitfiguren.
Die Kappenträger:innen führen bestimmte Tanzbewegungen und Verbeugungen aus, mit denen Glück und Segen gewünscht werden.
Die Österreichische UNESCO-Kommission führt den Gasteiner Perchtenlauf seit 2011 im nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes. Seine historisch nachvollziehbaren Ursprünge reichen bis in die Renaissance zurück. Im Laufe der Jahrhunderte veränderten sich die Figuren, die Organisation und die Aufführungspraxis immer wieder.
Das ist ein wichtiger Hinweis, denn die heute sichtbaren Formen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung.
Die Vorstellung, sämtliche Perchtenmasken seien unverändert aus einer vorchristlichen Zeit überliefert worden, wird durch die historischen Quellen nicht gestützt.
Auch das heute verbreitete Bild des Perchtenlaufes mit möglichst riesigen Hörnern und besonders furchterregenden Masken entspricht keineswegs überall den älteren regionalen Erscheinungsformen.
Die Glöckler – ein oberösterreichischer Winterbrauch
Ein besonders schönes Beispiel für die Entstehung und Weiterentwicklung eines Brauches finden wir in Ebensee am Traunsee.
Dort entwickelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Glöcklerlauf, der sich später über weite Teile des Salzkammergutes und angrenzende Regionen verbreitete.
Am Abend des 5. Jänner, also am Vorabend des Dreikönigstages, ziehen die Glöckler in Gruppen, den sogenannten Passen, durch die Ortschaften.
Sie tragen weiße Kleidung, große Glocken und aufwendig gestaltete Lichterkappen. Diese werden über viele Stunden hinweg von Hand gefertigt und zeigen häufig Sterne, geometrische Formen, Gebäude oder andere Motive.
Während ihres Laufes bewegen sich die Glöckler in bestimmten Figuren und besuchen unterschiedliche Plätze innerhalb der Gemeinde.
Der Ebenseer Glöcklerlauf wurde 2010 in das österreichische Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.
Heute wird der Brauch häufig als symbolischer Sieg des Lichtes über die Dunkelheit erklärt. Manchmal heißt es sogar, die Glöckler würden durch das Läuten ihrer Glocken das Getreide unter der Schneedecke aufwecken.
Solche Deutungen sind als Teil späterer Braucherklärungen interessant. Sie beweisen jedoch keine entsprechende vorchristliche Herkunft.
Die volkskundliche Forschung verortet die Entstehung des Glöcklerlaufes in Ebensee gegen Ende des 19. Jahrhunderts und beschreibt ihn in seinem frühen Zusammenhang als Heischebrauch.
Damit gehört er zu jenen Traditionen, bei denen Menschen von Haus zu Haus ziehen und für ihre Darbietungen Gaben erhalten.
Dass ein Brauch vergleichsweise jung ist, schmälert seinen kulturellen Wert keineswegs. Schließlich braucht eine Tradition keine zweitausendjährige Geschichte, um für eine Gemeinschaft bedeutsam zu werden.
Manchmal reichen bereits einige Generationen, viel handwerkliches Können und Menschen, die bereit sind, Jahr für Jahr gemeinsam durch die kalte Nacht zu laufen.
Heischen – wenn das Brauchtum auch etwas mit dem Überleben zu tun hatte
Das sogenannte Heischen gehört zu den wichtigen Erscheinungen des europäischen Volksbrauchtums.
Dabei ziehen Menschen von Haus zu Haus, singen, sprechen Verse, führen kleine Darbietungen auf oder erscheinen in bestimmten Verkleidungen. Im Gegenzug erhalten sie Lebensmittel, Geld oder andere Gaben.
Solche Bräuche konnten unterschiedliche Bedeutungen besitzen. Sie waren gemeinschaftliche Ereignisse, dienten der Unterhaltung und konnten zugleich Menschen unterstützen, die in der kalten Jahreszeit auf zusätzliche Lebensmittel angewiesen waren.
Das Österreichische Volkskundemuseum weist darauf hin, dass Heischbräuche während der winterlichen Festzeit auch eine soziale Funktion erfüllten.
Hinter manchen farbenfrohen Umzügen stand damit eine ausgesprochen praktische Wirklichkeit.
Wer im Winter wenig besaß, konnte durch solche Gaben seine Versorgung verbessern.
Und für die Menschen, die etwas verschenkten, verband sich die Gabe häufig mit dem Wunsch nach Glück und Segen.
Warum wir heute noch Masken tragen und Glocken läuten
Winterbräuche verändern sich. Manche verschwinden, andere werden wiederbelebt, und einige entwickeln sich zu großen Veranstaltungen, die Besucher:innen aus weit entfernten Regionen anziehen.
Dabei entstehen auch neue Erklärungen.
Besonders die Vorstellung, dass sämtliche Maskenläufe ursprünglich dazu dienten, böse Geister zu vertreiben, ist heute weit verbreitet. Für einzelne Bräuche sind Schutzvorstellungen tatsächlich dokumentiert. Als pauschale Erklärung für alle alpinen Winterumzüge greift diese Deutung jedoch zu kurz.
Die Geschichte des österreichischen Winterbrauchtums besteht aus regionalen Sagen, christlichen Festtraditionen, gesellschaftlichen Veränderungen, handwerklichen Fertigkeiten und der Freude daran, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Gerade in Oberösterreich lässt sich beobachten, wie lebendig solche Traditionen geblieben sind.
Wenn am 5. Jänner die Glöckler durch Ebensee ziehen, sehen wir Menschen, die oft viele Stunden an ihren Kappen gearbeitet haben. Wir sehen Familien, die den Brauch seit Generationen kennen, und Kinder, die irgendwann selbst mitlaufen möchten.
Vielleicht ist das einer der schönsten Gedanken, die wir aus dem Winterbrauchtum mitnehmen können: Eine Tradition lebt durch jene Menschen weiter, die sie gestalten.
Und während draußen die Glocken durch die Nacht klingen, müssen wir nicht behaupten, dass schon unsere Vorfahren vor dreitausend Jahren exakt dieselben Figuren gelaufen seien.
Es reicht vollkommen, zu wissen, dass hier Menschen etwas bewahren, das ihnen wichtig ist.
Quellen & weiterführende Literatur
- 011. Österreichisches Volkskundemuseum: „Spukt es in den Rauhnächten?". Volkskundliche Darstellung regionaler Rauhnachtsbräuche, der Perchtengestalten, des Räucherns und verschiedener Heischbräuche.
https://www.volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/publikation/1538569905125/1538569905125.pdf - 022. Österreichische UNESCO-Kommission: „Ebenseer Glöcklerlauf". Dokumentation des 2010 in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommenen Brauches.
https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/verzeichnis/element/ebenseer-gloecklerlauf - 033. Österreichische UNESCO-Kommission: „Gasteiner Perchten". Zur Geschichte, Gestaltung und Weitergabe des Gasteiner Perchtenlaufes.
https://www.unesco.at/kultur/immaterielles-kulturerbe/verzeichnis/element/gasteiner-perchten - 044. OÖ Forum Volkskultur: „Glöcklerlauf". Zur regionalen Geschichte und Entstehung des Glöcklerlaufes in Ebensee.
https://www.ooe-volkskultur.at/braeuche-in-ooe/brauch/gloecklerlauf/ - 055. Forum OÖ Geschichte: „Bercht / Percht / Hulda / Holle". Dokumentation regionaler Sagenvorstellungen über Frau Percht.
https://www.ooegeschichte.at/ausstellungen/glaube-aberglaube-volksfroemmigkeit/figuren-des-aberglaubens/bercht-percht-hulda-holle - 066. Ronald Hutton (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Vergleichende historische Untersuchung europäischer Fest- und Brauchtraditionen.
