Imbolc begehen – Licht, Stille und das erste Grün
Was man tun kann – und was davon überliefert ist
Wenn wir heute Imbolc feiern möchten, stehen uns erstaunlich viele Möglichkeiten offen, denn inzwischen finden sich Bücher, Anleitungen und ganze Sammlungen von Ritualen, die uns erklären, wie wir den beginnenden Frühling möglichst würdevoll begrüßen sollen. Da werden Kerzen entzündet, Altäre gestaltet, Wünsche aufgeschrieben, Räume gereinigt und Samen in kleine Töpfe gesetzt, während andernorts Brigid-Kreuze geflochten oder besondere Speisen zubereitet werden. Manche dieser Handlungen besitzen eine nachweisbare Verbindung zur irischen Volksüberlieferung, andere stammen aus christlichen Festtraditionen oder gehören zu den modernen Formen naturspiritueller Praxis, die sich in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt haben.
Ich finde, wir dürfen all diese unterschiedlichen Möglichkeiten durchaus interessant finden, sollten aber wissen, woher sie kommen, denn es macht einen Unterschied, ob wir einen historisch dokumentierten Brauch kennenlernen oder selbst ein Ritual gestalten, das uns heute sinnvoll erscheint. Beides kann seinen Platz haben, solange wir nicht aus jeder schönen Idee eine angeblich jahrtausendealte keltische Tradition machen.
Ein Brigid-Kreuz aus Binsen flechten
Zu den am besten dokumentierten Bräuchen rund um den 1. Februar gehört das Flechten von Brigid-Kreuzen aus Binsen oder Stroh. Solche Kreuze wurden in Irland traditionell am Vorabend oder zum Festtag der heiligen Brigid hergestellt und anschließend in Häusern und Wirtschaftsgebäuden angebracht, wo sie Schutz und Segen bringen sollten.
Das National Museum of Ireland bewahrt verschiedene historische Beispiele auf, darunter Kreuze mit unterschiedlichen Armzahlen und Flechtformen. Die heute besonders bekannte vierarmige Variante ist nur eine von mehreren überlieferten Formen, und die Herstellung war in vielen Familien eine gemeinschaftliche Tätigkeit.
Wer diesen Brauch heute aufgreifen möchte, kann geeignete Binsen sammeln und versuchen, ein solches Kreuz nach einer traditionellen Anleitung zu flechten. Besonders schön finde ich daran, dass wir dafür kaum etwas benötigen außer einem Material, das in der Landschaft wächst, etwas Geduld und vielleicht einem Menschen, der sich mit uns an den Tisch setzt.
Dabei sollten wir allerdings berücksichtigen, dass die genaue Entstehung des Brauches historisch nicht vollständig geklärt ist. Das Brigid-Kreuz gehört zur dokumentierten irischen Volksüberlieferung, doch die Behauptung, es handle sich nachweislich um ein unverändert überliefertes vorchristliches Sonnensymbol, lässt sich aus den Quellen nicht sicher ableiten.
Ein Stück Stoff für Brigid
Ein weiterer überlieferter Brauch ist das sogenannte Brat Bhríde, ein Stück Stoff oder Band, das am Vorabend des Brigid-Tages ins Freie gelegt wurde. Nach regionalen Vorstellungen sollte die Heilige während der Nacht über das Land ziehen und den Stoff segnen, sodass er anschließend als Schutz- oder Heilmittel verwendet werden konnte.
Solche Vorstellungen gehören zur irischen Volksreligiosität und zeigen, wie eng der Festtag der heiligen Brigid mit dem Alltag der Menschen verbunden war. Der gesegnete Stoff konnte aufbewahrt und in Situationen verwendet werden, in denen man sich besonderen Schutz oder Hilfe erhoffte.
Wenn wir diesen Brauch heute nachgestalten, sollten wir uns bewusst sein, dass seine Bedeutung ursprünglich innerhalb eines bestimmten religiösen und volkskundlichen Zusammenhangs stand. Wer selbst nicht an die segnende Gegenwart der heiligen Brigid glaubt, kann den Brauch dennoch kennenlernen oder ein Stück Stoff als persönliches Erinnerungszeichen verwenden, sollte diese heutige Deutung aber von der historischen Überlieferung unterscheiden.
Die ersten Frühlingszeichen suchen
Eine der einfachsten Möglichkeiten, Imbolc heute bewusst zu erleben, besteht darin, hinauszugehen und die Natur aufmerksam zu betrachten. Dafür brauchen wir weder besondere Gegenstände noch eine genaue Anleitung, sondern lediglich ein wenig Zeit und die Bereitschaft, genauer hinzusehen.
Anfang Februar können wir beobachten, wie sich die Tageslänge verändert hat, welche Pflanzen bereits erste Triebe zeigen und ob die Vögel wieder aktiver werden. Je nach Region und Witterung werden wir dabei ganz unterschiedliche Dinge entdecken, denn während in manchen Gegenden bereits Schneeglöckchen blühen, liegt anderswo noch eine geschlossene Schneedecke.
Gerade diese Unterschiede machen die Beobachtung interessant, weil sie uns daran erinnern, dass die Natur keinem überall gleichen Kalender folgt. Wer Imbolc in Irland feiert, erlebt andere Bedingungen als jemand, der Anfang Februar in einem oberösterreichischen Dorf oder in den Alpen unterwegs ist.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, über mehrere Jahre hinweg zu beobachten, wann die ersten Schneeglöckchen erscheinen, wann die Hasel blüht oder an welchem Nachmittag uns zum ersten Mal auffällt, dass wir nach der Arbeit noch bei Tageslicht nach draußen gehen können.
So entsteht mit der Zeit eine ganz persönliche Verbindung zum Jahreslauf, die auf tatsächlichen Beobachtungen beruht und keineswegs davon abhängig ist, ob wir bestimmte spirituelle Vorstellungen teilen.
Eine Kerze für das wiederkehrende Licht
Kerzen gehören heute zu den beliebtesten Symbolen moderner Imbolc-Feiern, und auch wenn wir keine einheitliche vorchristliche Kerzenzeremonie für dieses Fest nachweisen können, besitzt die Verbindung zwischen Licht und Anfang Februar eine nachvollziehbare Grundlage.
Seit der Wintersonnenwende werden die Tage wieder länger, und in der christlichen Tradition liegt unmittelbar neben dem Brigid-Tag das Fest Maria Lichtmess, das mit Kerzensegnungen und Lichtprozessionen verbunden ist.
Wer heute eine Kerze entzündet, kann darin ein Zeichen für die wieder zunehmende Helligkeit sehen oder sich einen Augenblick Zeit nehmen, um bewusst über das vergangene und das kommende Jahr nachzudenken.
Vielleicht stellen wir die Kerze ans Fenster, setzen uns für einige Minuten dazu und beobachten einfach die Flamme, während draußen langsam die Dunkelheit hereinbricht. Eine solche Handlung ist eine moderne persönliche Gestaltung, und gerade deshalb dürfen wir sie auch so einfach halten, wie sie uns entspricht.
Samen setzen und dem Wachstum Zeit geben
Eine weitere heute beliebte Möglichkeit besteht darin, Anfang Februar Samen auszusäen oder die ersten Pflanzen für das kommende Gartenjahr vorzubereiten. Diese Handlung passt gut zu unserer modernen Deutung von Imbolc als Beginn einer neuen Wachstumsphase, auch wenn wir sie nicht ohne entsprechenden Beleg als ursprüngliches keltisches Ritual bezeichnen sollten.
Wer einen Garten besitzt, weiß ohnehin, dass Anfang Februar für manche Pflanzen bereits Vorbereitungen sinnvoll sein können, während es für andere noch viel zu früh ist. Die tatsächlichen Aussaatzeiten hängen von Pflanzenart, Klima und den jeweiligen Bedingungen ab, weshalb wir uns dabei besser an gärtnerischem Wissen orientieren als an einem starren Ritualkalender.
Vielleicht ist gerade das ein schöner Gedanke für unsere Beschäftigung mit dem Jahreskreis, denn wir können die symbolische Bedeutung einer Handlung mit ihrer tatsächlichen Beziehung zur Natur verbinden.
Ein Samen braucht geeignete Bedingungen, um zu keimen, und selbst wenn wir ihn noch so liebevoll in die Erde legen, wird er deshalb nicht schneller wachsen, als es seine biologischen Voraussetzungen erlauben.
Manchmal täte uns ein wenig von dieser Geduld auch im Umgang mit unseren eigenen Vorhaben gut.
Eine eigene Feier gestalten
Wenn wir Imbolc heute bewusst begehen möchten, müssen wir keineswegs sämtliche bekannten Bräuche miteinander verbinden. Vielleicht möchten wir ein Brigid-Kreuz flechten, weil uns die irische Volksüberlieferung interessiert, oder wir besuchen eine Kirche, in der Maria Lichtmess gefeiert wird. Vielleicht setzen wir uns mit der Geschichte der Göttin Brigit auseinander, gehen hinaus und suchen nach den ersten Frühlingszeichen oder laden ein paar Menschen zu einem gemeinsamen Essen ein.
Für manche wird Imbolc eine religiöse Bedeutung besitzen, für andere eine naturverbundene oder ganz persönliche, und solange wir die historischen Hintergründe respektieren, dürfen diese unterschiedlichen Zugänge nebeneinander bestehen.
Besonders schön finde ich die Vorstellung, dass wir an diesem Tag einmal bewusst auf das schauen, was in unserem Leben gerade erst beginnt. Es muss nichts Großes sein, und wir brauchen auch keinen ausgearbeiteten Plan, wie sich daraus in den kommenden Monaten etwas entwickeln soll.
Vielleicht ist es ein Gedanke, mit dem wir uns schon länger beschäftigen, eine Entscheidung, die langsam Gestalt annimmt, oder einfach die Erkenntnis, dass wir nach einer anstrengenden Zeit wieder ein wenig mehr Freude empfinden können.
Solche persönlichen Bedeutungen gehören zu unserer heutigen Interpretation von Imbolc und sind keine überlieferten keltischen Glaubenssätze. Aber sie können uns helfen, den Jahreslauf bewusster zu erleben und uns mit den Veränderungen unserer Umgebung auseinanderzusetzen.
Und wenn wir am Ende des Tages die Kerze löschen, die Binsenreste vom Tisch räumen oder unsere schmutzigen Schuhe vor die Tür stellen, haben wir vielleicht etwas sehr Einfaches getan, das in unserem gewöhnlichen Alltag erstaunlich selten geworden ist: Wir haben uns Zeit genommen, um zu bemerken, dass sich etwas verändert.
Der Frühling wird deshalb nicht schneller kommen, und vermutlich müssen wir auch am nächsten Morgen noch einmal die Autoscheiben freikratzen. Aber vielleicht sehen wir die winterliche Landschaft inzwischen mit etwas anderen Augen, weil wir wissen, dass unter ihrer stillen Oberfläche längst die ersten Bewegungen des kommenden Jahres begonnen haben.
Quellen & weiterführende Literatur
- 01National Museum of Ireland: „St Brigid’s Day“. Volkskundliche Dokumentation der Brigid-Kreuze, ihrer Verwendung als Schutzzeichen und weiterer Bräuche rund um den 1. Februar.
https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/St-Brigid-s-Day - 02Dictionary of Irish Biography: „Brigit (Brighid, Bríd, Bride, Bridget)“, Royal Irish Academy. Zur historischen und volkskundlichen Überlieferung der heiligen Brigid, darunter Brigid-Kreuze, das Brat Bhríde und heilige Quellen.
https://www.dib.ie/biography/brigit-brighid-brid-bride-bridget-a0961 - 03Kelly Fitzgerald (2024): „What do we know about the roots of the Imbolc spring festival?“, RTÉ Brainstorm. Wissenschaftlich fundierte Einordnung der frühen Überlieferung und der späteren Verbindungen zwischen Imbolc und dem Brigid-Tag.
https://www.rte.ie/brainstorm/2024/0131/1429455-imbolc-imbolg-spring-pagan-festival-brigit/ - 04Ronald Hutton (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Historische Untersuchung der Entwicklung und Veränderung jahreszeitlicher Feste.
